Es war der Abend vor meinem dreizehnten Geburtstag und la famiglia und ich saßen auf dem Dach. Nino spielte auf seiner Gitarre. Er spielte noch nicht lange und auch nicht gut. Wenn er eine neue Melodie gefunden hatte, dann spielte er diese so lange, bis einer von uns ihn genervt ansah und sagte »So, jetzt reicht es aber.«

Ich unterhielt mich mit Guiseppe über die Theorie, dass ein zweiundvierzig Mal gefaltetes Blatt Papier bis zum Mond reicht. Er hielt das für Schwachsinn und ich sagte, ihm fehle die Fantasie.

Die Zeit verging, Wolken schoben sich vor den Mond, der nur ein Blatt Papier oder vielleicht auch nicht entfernt war, und zogen weiter.

Maria warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und begann zu schreien:

»Federico lebe hoch!« 

Jonathan, Nino und Guiseppe stimmten ein und nahmen mich hoch. 

So ging das, bis ihnen die Kraft ausging.

Wir setzten uns in einen Kreis und Maria zündete eine Kerze an, die sie aus der Küche geklaut hatte. 

»So, Kleiner«, sagte Jonathan und ich wollte gerade widersprechen. 

»Ganz ruhig, so klein bist du ja jetzt gar nicht mehr.«

Er küsste mich auf die linke und auf die rechte Wange und überreichte mir ein braunes Päckchen. Das Geschenkband war dasselbe, das Nonna immer benutzte.

Jonathan zwinkerte mir zu. 

»Na, mach schon, Federico. Das ist übrigens von mir und nicht von deiner Nonna.«

Ich packte es aus und hielt eine schwarze Baskenmütze in der Hand.

Jetzt war ich es, der Jonathan küsste. Sie passte ausgezeichnet und ich fühlte ich sehr erwachsen.

Dann drückte mir Nino eine schwarze Schachtel in die Hand.

Er grinste sein Ninogrinsen und lehnte sich mit verschränkten Armen zurück.

In der Schachtel lagen ein Stück Seife, ein Rasierpinsel und ein Rasierapparat, der sehr edel aussah.

»Wofür ist das denn?«

»Du bist jetzt ein Mann!«

»Aber ich hab’ kein einziges Barthaar!«, ich musste lachen.

»Und ich dachte, du bist Italiener. Ein echter Italiener hat mit dreizehn einen Bart!«

Jetzt lachten alle.

»Ha, nur weil du mit vierzehn schon einen Bart hast. Vielleicht bist du einfach kein echter Österreicher!«

»He, ihr zwei, heiratet doch, wenn ihr so gut versteht. Aber jetzt will ich Federico mein Geschenk geben«, unterbrach uns Maria.

»Also, eigentlich ist es von mir und Seppe«.

Maria legte mir ein großes quadratisches Geschenk in den Schoß.

»Aber he, vorsichtig auspacken!« Sie stellte sich breitbeinig vor mich und beobachtete ganz genau, wie ich Band und Papier löste.

In der Hand hielt ich eine Schallplatte, auf deren Cover ein Mann und ein gelbes Bühnenbild zu sehen war. Ich muss wohl sehr lustig ausgesehen haben, wie ich da saß mit dem großen Staunen im Gesicht, denn Maria lachte.

Auf der Rückseite der Platte stand Prince – Sign of the Times

Ich hörte Marias Stolz in jedem Wort. 

»Die hat mir mein Bruder aus Amerika mitgebracht. Aus Minneapolis, wenn du es genau wissen willst.«

Sie sah überhaupt nicht so frech aus wie sonst, nur jung und glücklich.

Ich konnte nicht anders als sie und Guiseppe zu drücken.

»Scheiße Leute, ich glaube, da kommt jemand!«, und Jonathan hatte recht, es waren Schritte im Stock unter uns zu hören.

 »Kramer!« Es war lange Nachtruhe und Kramer war der letzte Mensch, der auf einen Geburtstag Rücksicht nahm. Ich hielt die Schallplatte fest unter dem rechten Arm, in der linken Hand Ninos schwarze Schachtel.

Maria wollte gerade die Tür zum anderen Treppenhaus schließen, als sie bemerkte, dass die Kerze noch brannte.

»Egal, komm jetzt!« Ich zog sie an der Hand ins dunkle Treppenhaus und Maria löste sich nicht aus meinem Griff. Mein Herz klopfte und ich wusste nicht, ob es wegen Maria oder Kramer war.

»Ins Atelier«, flüsterte Jonathan, der voranging.

Im Atelier war es stockfinster, ich stolperte über irgendetwas und ließ Marias Hand los. »Pssst!« Alle vier drehten sich gleichzeitig zu mir. 

Wir atmeten erst auf, als wir die Tür abgeschlossen und ein paar Kerzen angezündet hatten.

Das Atelier sah im Kerzenlicht schöner aus als sonst. Die Aktskizzen, die die Wände bedeckten, schienen lebendig und in den Ölfarben auf den Leinwänden spiegelte sich das Kerzenlicht. Überall lagen Pinsel und Töpfe und Bücher mit Robertos Notizen am Rand. »Wartet mal«, sagte Nino und stand auf, um den alten Plattenspieler, der in der Ecke neben den unbemalten Leinwänden stand, zu entstauben. 

»Weiß jemand, wie das Ding funktioniert?«, fragte er.

Und dann stand Guiseppe auf, natürlich Guiseppe, und nahm mir vorsichtig die Platte aus der Hand.

Nach wenigen Minuten und einem leisen »Scheiße«, füllte Prince' Stimme das Atelier. Jonathan holte aus einer Schublade einen Tabak von Roberto und begann sich eine Zigarette zu drehen. Ich war der Einzige, der kurz stutzte, aber niemand hatte es bemerkt. Maria stand auf und begann mit Nino zu tanzen.

Jonathan reichte die Zigarette herum. Als ich zog, musste ich husten. 

Die anderen lachten mich aus. 

»Wird schon, Kleiner. War bei uns allen nicht anders.«

Ich boxte ihn in die Schulter. Guiseppe fing an zu tanzen und er tanzte sehr gut.

Seine Haare fielen ihm ins Gesicht. Er sah toll aus, wie er über den Boden flog, die weißen Dielen mit Zeitungspapier bedeckt.

Er begann sein Hemd aufzuknöpfen. Wir lachten und Maria pfiff.

Wir tanzten lange, ich auch, obwohl ich gar nicht tanzen kann.

Später schlief ich mit meiner Baskenmütze ein und fragte mich, ob Großvater tanzen kann.