Als der Schnee geschmolzen war, nicht mehr als trübe Pfützen in den Löchern des Kieselbodens im Hof blieben, saßen Jonathan und ich auf der Steinbank mit dem Messingschild. Acqua cheta rompe i ponti. Stilles Wasser bricht die Brücken, stand auf dem Schild.

Die erste Sonne des Jahres schien uns auf die blasse Stirn, tat in den roten Lidern weh, wenn wir die Augen schlossen. Vor Freude stellten sich mir die Armhaare auf. »Du?«, fragte Jonathan. »Hm?«, ich öffnete ein Auge, verzog den Mund und zwirbelte die Haare auf meinem Handrücken. 

»Darf ich dich etwas fragen, Federico? «. Jonathan rieb sich den Hals, genau dort wo sein Adamsapfel hüpfte, wenn er mir ernste Fragen stellte. Durfte er nicht, aber ich nickte. Jonathan schwieg und ich dachte, vielleicht hat er gespürt, dass ich mir vorstellte aufzustehen und zu gehen. Er räusperte sich.

»Warum wollte dein Großvater, dass du auf das Internat gehst?«. Ich richtete mich auf und legte die Hände flach auf meine Knie, reckte das Kinn und ließ ihn weiter sprechen. »Weißt du, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, dein Großvater ist krank.« Ich streckte die Beine, spannte die Muskeln in meinen Waden an, zog die Zehen in den Schuhen zu mir. Dann stand ich auf, stellte mich ganz nah vor Jonathan hin. Unsere Knie berührten sich beinahe und ich sah auf ihn herab, sah ihm direkt in die Augen. »Glaubst du wirklich, ich würde das nicht merken?«.

Er hielt meinem Blick stand, auch noch als er sich erhob. Und dann standen wir da und starrten uns an, boten uns die Stirn und unsere Fußspitzen berührten sich. 

Ich wandte mich ab und ging ins Schulhaus. Ich rannte nicht. Ich stampfte nicht mit dem Fuß. Ich trat nicht gegen den Kleiderständer, der neben der Tür zum Lehrerzimmer stand. Ich schlug nicht gegen das dicke Vitrinenglas, hinter dem alle Schulorden gesammelt waren. Ich stieg die Treppe hoch und hasste Jonathan. 

Ich lief den Flur hinunter und hasste Jonathan, dafür dass er gesagt hatte, was mir in den Ohren rauschte. Ich stellte meine Schuhe vor unser Zimmer und hasste meinen Großvater. Ich schloss die Zimmertür und hasste meinen Großvater, weil er krank war. Und dann tat ich nichts mehr, saß aufrecht auf meiner Bettkante und hasste nur noch mich, weil ich es gewusst hatte.

Ich hatte es gesehen, als er am Hafen stand. Ich hatte mich umgedreht und hatte es gesehen und wollte wegschauen, als mache ich Großvater dann gesund. Ich schrieb:

 

Großvater,

ich habe es am Hafen gesehen. Warum hast du es mir nicht gesagt?

Ich weiß, dass du alt bist, aber dass gibt dir noch lange kein Recht krank zu sein.

Und noch weniger gibt es dir ein Recht, es mir zu verschweigen.

Ich habe es gesehen, dort am Hafen

 

Es klopfte.

 

 

Es klopft jetzt. Wenn du mich gern hast, sag mir die Wahrheit.

Federico.

 

 

Jonathan trat ein und setzte sich auf sein Bett.

Wir saßen uns gegenüber. Wir schwiegen uns an. Er legte den Kopf schief.

Ich baumelte mit den Beinen. »Tschuldigung«. Ich hasste Jonathan eigentlich doch nicht. »Du hattest recht. Du hast immer ...« 

Weiter kam ich nicht. Jonathan stand auf und umarmte mich. Wir umarmten uns nie. Noch nie habe ich Jonathan und Großvater und mich gleichzeitig gehasst.