Es waren ein paar Wochen vergangen, vielleicht auch Monate als ich mit Jonathan im Schulgarten in der Wiese lag. Es war ein erster warmer Tag nach einem kalten, langen Winter. Wir hatten die Arme unter dem Kopf verschränkt und ließen uns die Sonne ins Gesicht scheinen.

»Du?«, Jonathan beginnt ernste Fragen immer mit »Du?«.

»Hm?«, ich hatte keine Lust auf ernste Fragen. Ernste Fragen sind etwas für Winter und Schnee. 

»Darf ich dich etwas fragen, Federico? Ich will dir aber damit nicht zu nahe treten.«

Durfte er nicht, aber ich nickte, weil ich keine Lust hatte zu erklären, dass die Sonne zu schön war für ernste Fragen.

Jonathan schwieg und ich dachte, er hätte vielleicht die Sache mit der Sonne und den Fragen verstanden.

Er räusperte sich, er hatte es also nicht verstanden.

»Warum, glaubst du, wollte dein Großvater, dass du auf das Internat gehst und wie kann er sich das leisten?«

Ich richtete mich auf. Die Sonne war mir auf einmal egal. Die Vögel sangen keine Frühlingslieder mehr, sie waren ein einziges Kreischen. Ich stellte mir diese Frage seit meinem ersten Tag auf dem Internat und noch nie hatte ich sie ausgesprochen.

Es gibt Grenzen. Jonathan hatte kein Recht, die eine Frage zu stellen, die ich Großvater nicht stellen würde.

»Weißt du, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, dein Großvater ist krank. Ich glaube, er will nicht, dass du siehst, dass er sich nicht mehr um dich kümmern kann ...«

Es gibt Grenzen.

»Und weißt du, was ich glaube, Jonathan? Ich glaube, dass geht dich absolut nichts an. Einen Scheiß ist mein Großvater. Glaubst du, ich würde es nicht merken, wenn es meinem eigenen Großvater schlecht geht? Glaubst du wirklich, ich würde das nicht merken?«

Ich war aufgestanden, Jonathan auch. 

Manchmal hasste ich Jonathan. Ich hasste jetzt, dass er größer war als ich.

Ich hasste diesen Blick. Jonathan sah arrogant aus. Als wüsste er, dass er recht hat.

»Leck mich, Jonathan!« Ich ging ins Schulhaus. Ich rannte nicht. Ich stampfte nicht mit dem Fuß. Ich trat nicht gegen den Kleiderständer, der neben der Tür zum Lehrerzimmer stand. Ich schlug nicht gegen das Vitrinenglas, hinter dem alle Schulorden gesammelt waren.

Ich ging die Treppe hoch und hasste Jonathan. 

Ich ging den Flur hinunter und hasste Jonathan dafür, dass er recht hatte.

Ich stellte meine Schuhe vor unser Zimmer und hasste meinen Großvater.

Ich schloss die Zimmertür und hasste meinen Großvater, weil er krank war.

Und dann tat ich nichts mehr und hasste nur noch mich und alles gleichzeitig, weil ich es gewusst hatte.

Ich hatte es gesehen, als er am Hafen stand. Ich hatte mich umgedreht und hatte es gesehen und wollte eigentlich wegschauen, als wäre Großvater dann nicht mehr krank. Ich schrieb:

 

Großvater,

ich habe es am Hafen gesehen. Warum hast du es mir nicht gesagt?

Ich weiß, dass du alt bist, aber das gibt dir noch lange kein Recht, krank zu sein.

Und noch weniger gibt es dir ein Recht, es mir zu verschweigen.

Ich habe es gesehen, dort am Hafen.

 

 

Es klopfte.

 

 

Es klopft jetzt. Wenn du mich liebst, sag mir die Wahrheit.

Federico.

 

 

Jonathan kam herein und setzte sich auf das Bett.

Ich setzte mich auf mein eigenes. Wir schwiegen uns an. Er legte den Kopf schief.

Ich baumelte mit den Beinen.

»Tschuldigung.« Ich hasste Jonathan eigentlich doch nicht.

»Du hattest recht. Du hast immer ...« 

Weiter kam ich nicht. Jonathan stand auf und umarmte mich.

Wir umarmen uns nie.

Aber ich habe auch noch nie Jonathan und Großvater und mich gleichzeitig gehasst.