Eines Morgens weckte mich ein beißender Geruch. Jonathans Bett war leer. Ich schlug das Laken zurück, kratzte mich am Oberschenkel und atmete flach durch den Mund. Jonathan stürmte ins Zimmer. Mit seinem Ärmel bedeckte er seine Nase. 

»Was ist los?«, ich lag ganz still und betrachtete wie sich mein Bauch hob und senkte. »Keine Ahnung. Vielleicht hat wieder irgendein Idiot die Toiletten demoliert«. Ich dachte an Zuhause. Es gab Tage an denen wachte ich auf und Sizilien stank. Manchmal stank das ganze Dorf. Der Müll auf den Straßen stank. Die Menschen warfen alles Mögliche aus dem Fenster und am Straßenrand bildete sich ein Streifen aus Müll. Die Mülltonnen waren immer voll bis zum Rand. Die blauen, prallen Tüten schmiss man aus dem Autofenster, mit der linken Hand hielt man sich die Nase zu, mit der rechten kurbelte man das Fenster herunter. Wenn man Pech hatte, blieb der Geruch in den Autositzen hängen, immer in den Kopfteilen. Nicht einmal die Tiere suchten bei den Tonnen nach Essen, weil es so stank.

In manchen Dörfern lag ein toter, zerrupfter Vogel neben dem anderen, manche überfahren, anderen fehlte der Kopf. In diesen Dörfern bellten die Hunde in den Hinterhöfen. Doch vergebens, es gab mehr Hunde als Dorfbewohner.

Manche Felsenstrände stanken nach menschlichen Exkrementen. Manchmal stank dann auch das Meer, mal nach Mensch, mal nach Fisch oder nur nach Meer.

Manchmal stanken die Frauen nach Parfüm. Die Männer nach Zigarettenwohnung und fettigen Haaren. Ihre Barthaare stanken nach langen Nächten auf der Piazza und die Hände nach Alkohol, der die schlafenden Ehefrauen weckte, weil die Männer sie lieben wollten.

Manchmal wachte ich früh morgens auf und dachte, ich stinke nach Sizilien. 

Dann stand ich auf und verließ das Dorf, sprach mit niemandem und kletterte auf einen Hügel. Ganz oben setzte ich mich auf einen Stein, der Muster in meine Oberschenkel drückte und ließ die Beine baumeln. Aber manchmal stank sogar der Wind, der auf dem Hügel ging. Und dann lief ich zurück nach Hause und duschte bis der Wasserstrahl zu dünn wurde. Nonna sagte dann ich dachte nicht an die Insel und die Leute, die wegen mir kein Wasser hatten. Aber ich konnte die Insel und die Leute riechen, deshalb duschte ich noch länger.

 

Jetzt stank es auch im Internat und ich konnte auf keinen Hügel laufen und nicht duschen, weil die Waschräume neben den Toiletten waren. 

Ich konnte alles gleichzeitig riechen. Den getrockneten Schweiß der anderen Jungen, die Essensreste die an den Tellern in der Küche verkrusteten, Kramers Mundgeruch. 

»Du bist ja ganz bleich«, sagte Jonathan und öffnete das Fenster.

Ich erbrach mich über das Fenstersims hinunter in den Vorhof. 

In diesem Moment vermisste ich Nonnas Pfefferminztee. Jonathan holte mir einen nassen Lappen, sagte »Leg dich hin« und ging. 

»Bleib« sagte ich, aber er hörte es nicht mehr.

Ich dachte »Jetzt kommt er nie wieder« und schwitzte sehr.

Jonathan kam mit Maria und Tee und noch mehr nassen Lappen zurück.

Er holte keinen Lehrer und nicht die Krankenschwester. Immer sagte er ich soll doch verdammt noch mal liegen bleiben. Ich schwitzte noch mehr und zappelte unter dem Laken, das Jonathan mir bis zum Schlüsselbein zog und zwischen meine Achseln stopfte. Maria griff nach dem alten Mann und das Meer und begann zu lesen. Dabei strich sie mir über die Wange. Irgendwann schlief ich ein und war der Fisch an der Angel und kämpfte mit dem alten Mann. Das Meer war Pfefferminztee und der alte Mann trug Marias weite Leinenhosen und sagte »bleib liegen«. 

Das Fieber blieb noch eine Woche, auch als die Schultoilette schon lange nicht mehr stank.