Es war ein Dienstag, als ich zum ersten Mal den kleinen Zettel mit Großvaters Handschrift aus dem Fach neben meiner Nachtwäsche holte. Die Nummern darauf waren kleiner als das schlechte Gewissen, das mich in manchen Nächten nicht schlafen ließ. Kein einziges Mal hatte ich bei Großvater angerufen. Mit dem Zettel, einem leisen Herzklopfen und ein paar Münzen ging ich in den Aufenthaltsraum und zur Telefonzelle in der Ecke hinter den Ledersesseln.

Dreimal vertippte ich mich beim Wählen, weil meine Hände schwitzig waren und Großvater nun wirklich sehr klein geschrieben hatte.

Ob er abnehmen wird. Ob er weiß wie das geht und überhaupt, hat er das Telefon schon einmal benutzt.

Es klingelte genau vierundzwanzig Mal, bevor ich wieder gehen wollte. Schade um die Münzen, das wäre ein neuer Füllfederhalter vom Samstagsmarkt gewesen.

»Hallo? Wer spricht da?«

»Großvater? Ich bin es.« Schweigen. Rauschen in der Leitung.

»Hast du meinen Brief bekommen, Großvater?«

»Warum hast du so lange nicht angerufen, Federico? Nonna war sehr traurig. Ich bin sicher, dass weißt du.«

»Ob du meinen Brief bekommen hast.«, sage ich.

»Ja, habe ich.« Großvaters Stimme wurde sehr leise, ein wenig brüchig. 

»Ich wollte ... Ich wollte nicht... Mein Junge, es war nicht einfach. Weißt du, manchmal lügt man. Das kann ganz verschiedene Gründe haben. Als du kleiner warst, habe ich dir gesagt mit jeder kleinen Lüge erlischt ein Stern am Nachthimmel.

Und irgendwann hockst du im Dunkeln. Aber es gibt Wahrheiten, die sagen sich nicht einfach, mein Junge.«

Er machte eine Pause. Ich konnte durch das Telefon hören, wie er seinen Bart kratzte. Ich konnte ihn schnaufen hören und räuspern.

»Ich wollte nicht, dass du siehst wie ich verwelke. Ich wollte nicht, dass du mir beim Sterben zusiehst. «

Es rauschte wieder. Diesmal in meinen Ohren. Erst m linken, dann im rechten, dann in den Fingerspitzen und den kleinen Zehen.

»Großvater, du wirst doch nicht ... «

»Nein, mein Junge. Der Tod lässt sich Zeit. Sieh mir zu, dass du nicht allzu traurig bist. Das schickt sich nicht. Nonna würde nicht wollen, dass ihr Junge traurig ist. Für’s Leben musst du was lernen, traurig sein kannst du wenn du alt bist. «

Das Rauschen ließ nach. Wenn Großvater vor mir gestanden wäre, hätte er mir zwei Finger ans Kreuz gelegt. Denn ein Mann soll aufrecht durch das Leben spazieren, mit dem Kinn erhoben und den Augen offen. Ein Lächeln huschte über mein Gesicht und ich hielt den Hörer ein wenig fester.

»Federico, Nonna möchte dich sprechen. Und noch etwas - «

»Ja?« Du fehlst mir. Ja, du mir auch. Hätte ich gerne gehört. Hätte ich gerne gesagt.

»Im Sommer wird gestrichen. Wir brauchen eine neue Farbe. Allesamt.«

Dann gab er den Hörer weiter. Nonna hörte sich an als hätte sie in der Diele gestanden und das Gespräch belauscht. Geweint hatte sie wohl nicht.

Stattdessen fragte sie ob die Hosen reichten und das Geld und überhaupt, ob ich mir den Hals gut wasche und was ist das mit den Schweinen, das muss doch eine Sauerei sein. Ich sagte ihr, dass ich ihr auf dem Markt eine Schürze besorgt hatte, so eine hübsche, wie sie sich schon immer gewünscht hatte und überhaupt, der Markt würde ihr gefallen. Mensch Nonna, was macht der Garten und die Nachbarn. Nonna erzählte, dass den Nachbarn das Fischerboot beschmiert wurde. Sie tippt auf die Bengel vom Senore Emmanuele, aber sicher ist sie sich natürlich nicht.

Nonna redete wie immer und sprach als gäbe es in ihrem Haus nur den Sommer und keine Krankheiten und kein Leiden. Sie sprach als wäre der Dreck an Großvaters Schuhen nicht weniger geworden, weil er nur noch selten auf das Feld ging und als wären ihr Rückenschmerzen nicht stärker geworden, weil Großvater schlecht schlief.

»Nonna ich muss jetzt Schluss machen. Das Geld wird knapp. Grüß Claudio und Alessio recht herzlich.«

»Mein Junge, sieh mir zu, dass du genug isst. Und meld dich.« 

Und dann knackte es in der Leitung und es blieb nur noch ein unangenehmer Ton, den ich noch hörte, als ich den Hörer schon lange eingehängt hatte und ging um Jonathan oder Maria oder sonst wen zu suchen, der lauter redete als die stechende Stille in meiner Brust.