Es war ein Dienstag, als ich zum ersten Mal den kleinen Zettel mit Großvaters Handschrift aus dem Fach neben meiner Nachtwäsche holte. Die Nummern darauf waren kleiner als das schlechte Gewissen, das mich in manchen Nächten nicht schlafen ließ. Kein einziges Mal hatte ich bei Großvater angerufen. Mit dem Zettel, Herzklopfen und ein paar Münzen ging ich in den Aufenthaltsraum und zur Telefonzelle in der Ecke hinter den Ledersesseln.

Dreimal vertippte ich mich beim Wählen, weil meine Hände schwitzig waren und Großvater nun wirklich sehr klein geschrieben hatte.

Ob er abnehmen würde. Ob er wusste wie das geht und überhaupt, hatte er das Telefon schon einmal benutzt.

Es klingelte genau vierundzwanzig Mal, bevor ich wieder gehen wollte. 

»Hallo? Wer spricht da?«

»Großvater? Ich bin es.« Eine halbe Minute verging und die Leitung rauschte.

»Hast du meinen Brief bekommen, Großvater?«

»Warum hast du so lange nicht angerufen, Federico? Nonna war sehr traurig. Ich bin sicher, das weißt du.«

»Ob du meinen Brief bekommen hast.«, sagte ich.

»Ja, habe ich.« Wieder rauschte die Leitung, Großvater schwieg und ich fragte mich, wie lange meine Münzen reichen würden. 

»Mein Junge, es war nicht einfach. Hör mal, manchmal lügt man. Als du kleiner warst, habe ich dir erzählt mit jeder kleinen Lüge erlischt ein Stern am Nachthimmel, weißt du noch? Und irgendwann hockst du im Dunkeln. Aber es gibt Wahrheiten, die sagen sich nicht einfach.«

Ich konnte durch das Telefon hören, wie er seinen Bart kratzte. Er schnaufte ein wenig. »Ich wollte nicht, dass du mir beim Sterben zusiehst. « Ich starrte auf die Tasten des Telefons, betrachtete die fettigen Fingerabdrücke auf den Nummern und pulte Staub aus einer Rille des Apparats.

»Federico, Nonna möchte dich sprechen. Und noch etwas - «

»Ja?« Du fehlst mir. Ja Großvater, du mir auch. »Im Sommer wird gestrichen. Wir brauchen eine neue Farbe. Allesamt.«

Dann gab er den Hörer weiter. Nonna hörte sich an als hätte sie in der Diele gestanden und das Gespräch belauscht. Geweint hatte sie nicht.

Sie fragte ob die Hosen reichten und das Geld und überhaupt, ob ich mir den Hals gut wusch und was ist das mit den Schweinen, das muss doch eine Sauerei sein. Ich sagte ihr, dass ich ihr auf dem Markt eine Schürze besorgt hatte, so eine hübsche, wie sie sich schon immer gewünscht hatte und, dass der Markt ihr gefallen würde. Nonna erzählte, dass den Nachbarn das Fischerboot beschmiert wurde. Sie tippte auf die Bengel vom Senore Emmanuele, aber sicher war sie sich natürlich nicht.

Nonna sprach, als gäbe es in ihrem Haus nur den Sommer und kein Leiden. Sie sprach, als wäre der Dreck an Großvaters Schuhen nicht weniger geworden, weil er nur noch selten auf das Feld ging und als wären ihre Rückenschmerzen nicht stärker geworden, weil Großvater schlecht schlief.

»Nonna, ich muss jetzt Schluss machen. Das Geld wird knapp. Grüß Claudio und Alessio von mir.«

»Mein Junge, sieh mir zu, dass du genug isst. Und meld dich.« 

Und dann knackte es in der Leitung und es blieb nur noch ein unangenehmer Ton, den ich noch hörte, als ich den Hörer schon lange eingehängt hatte und die Telefonzelle verließ um Jonathan oder Maria oder sonst wen zu suchen.