Das Essen im Internat ist schrecklich. Jeden Freitag kochen fünf Schüler aus den mittleren Klassen. Jonathan und ich wurden an einem Freitag mit drei anderen Jungen zugeteilt. Die jüngeren beiden kannten wir nicht. Sie waren acht oder neun.

Der dritte war Giac. Giac heißt eigentlich Giacomo. Giacomo war immer alleine und er war immer wütend. Giacomo hasste viel. Manchmal glaube ich, er hasst alles.

Er hasste das Internat und kochen hasste er auch. 

Wir mussten eine Kürbissuppe zubereiten. Die Kürbisse wachsen im Schulgarten und sehen eklig aus. Es kümmert sich selten jemand um den Schulgarten.

Gartenarbeit macht man im blauen Anzug. Der blaue Anzug ist Strafe. Als wir kochten trugen wir noch weiß. Ich schnitt Kräuter und Jonathan deckte im Essenssaal die Tische mit den hässlichen Plastikdecken. Giac stand mit den anderen beiden Jungen an dem riesigen Topf. Die Suppe kochte und roch, aber sie roch nicht gut. Nonna macht manchmal Kürbissuppe an Regentagen und die riecht herrlich.

»Komm, gib das schon her!« Einer der kleinen Jungen rührte in der Suppe. Giacomo riss ihm den Löffel aus der Hand. 

Orange Flecken auf dem weißen Hemd des Jungen.

»Verzieht euch. Ihr habt doch keine Ahnung!«

Die beiden verließen die Küche, der eine mürrisch, der mit orangen Flecken geduckt.

Ich sagte nichts. Giac ist einen Kopf größer als ich, hat einen widerlichen Stoppelbart und eine picklige Stirn. Beim Anblick wie seine dreckigen Hände den Löffel hielten, hatte ich keinen Hunger mehr. Nicht dass ich davor Hunger gehabt hätte.

Ich hatte die Kräuter geschnitten und lief zum Essenssaal. Jonathan brauchte keine Hilfe mehr.

»Komm, ich lass Giac ungern mit Essen für dreihundert Menschen alleine. Wer weiß, was der damit anstellt«, sagte Jonathan. Die Küchentür war geschlossen. Als wir sie öffneten, kam uns Rauch entgegen. Der Topf mit der Suppe lag auf dem Fließboden und es brannte. Alles brannte. Der Herd. Die Kochbücher. Die Holzregale.

»Feuer!«, ich schrie und hielt mir mit dem Ärmel meines Hemdes Mund und Nase zu. Jonathan stürzte zum Fenster und riss es auf. Dann stand Kramer in der Tür. Hinter ihm ein Dutzend anderer Schüler. Giacomo war nirgends zu sehen.

Kramer packte mich und Jonathan am Hals. Kramer hasste mindestens genauso viel wie Giacomo. Und Kramer war wütend. Sein rechtes Auge zuckt, wenn er wütend ist. Ich hörte Schreie im Gang hinter mir. Das Feuer in der Küche war bald gelöscht.

Das Feuer in Kramer brannte immer. 

Wir saßen in seinem Büro und stanken nach Rauch. Kramer sagte nichts. Jonathan und ich schwiegen, weil wir nichts zu sagen hatten. Kramer schwieg, weil er zu viel sagen wollte.

»Was haben sie sich dabei gedacht die Küche zu verlassen?«. Von Giacomo wollte er nichts hören. Er stand auf und öffnete seinen Schrank. Er nahm zwei blaue Anzüge heraus und knallte sie auf den Tisch. Ich sah Jonathan an. Sein Blick sagte »schweig und zieh den Anzug über«. Kramer schob uns dann in Blau ins Treppenhaus und zur Putzkammer. Mit Eimer, Besen und Lumpen traten wir auf den Hof. Die Kinder auf dem Hof starrten uns an. Jeder wusste von dem Feuer.

Niemand wusste etwas von Giacomo. Es klingelte zum Nachmittagsunterricht und wir begannen zu putzen. Jonathan und ich schwiegen uns an, aber wir schwiegen zusammen. Ich dachte darüber nach, wann Giacomos Hass so groß geworden ist, dass er ein Feuer legen wollte. Und ich dachte an Feuer zuhause. Auf Sizilien brennt es oft. Manchmal legt die Hitze das Feuer. Manchmal legen es die Menschen.

Die Hitze ist schrecklich und die Menschen sind es auch. Dort wo ich herkomme, hat niemand viel Geld und selten genug Ernte. Am ersten September jeden Jahres wacht unser Dorf auf von Feuer und Schüssen. Die Bauern jagen Hasen. Um die Hasen aus dem Feld zu treiben, legen sie Feuer. Sie zünden das wenige, das sie besitzen an und haben danach nichts mehr. Gegen Mittag sind die Schüsse vorbei und die Sirenen kommen. Manche können die Feuerwehr bezahlen. Aber an den meisten fahren die Sirenen vorbei. Großvater ist jeden ersten September ein einziges Kopfschütteln. 

Das Leben im Dorf ist oft trostlos. Die letzten beiden ersten September haben Jonathan und ich uns beim zehnten Pistolenschuss auf dem Dorfplatz getroffen. Wir waren den ganzen Tag spazieren. Wir liefen in die Richtung, wo der Feuergeruch schwächer und die Schüsse leiser wurden. Das erste Mal hatten wir zu wenig Wasser dabei, das zweite Mal liefen wir bis in die Nacht. 

Manchmal kommt man auf Sizilien an Berghängen und Feldern vorbei die nur schwarz sind. Ich bin als Kind einmal barfuss über ein schwarzes Feld gelaufen.

Ich blieb nicht lange. Das Schwarz, das nach dem Feuer bleibt, macht traurig.

Das Feuer in der Küche hatte nicht wie das Feuer zuhause gerochen. Das Feuer in der Küche hatte gefährlich gerochen. Es hatte sich mit Kürbissuppe und weißem Holz und schwarzen Fliesen gemischt. Zuhause mischt sich das Feuer mit trockenen Sträuchern und Armut. Im Internat war es Feuer mit Kürbis. Zuhause war es Feuer mit Hasen. 

»Weißt du noch wie unsere Haare rochen am ersten September?«, fragte ich Jonathan. 

»Bin ich froh, dass wir uns die Haare rasiert haben«, sagte er, stütze sich mit einer Hand auf den Stil seines Besens und fuhr sich mit der anderen über den Kopf. 

Mit Jonathan war der erste blaue Anzug nicht so schlimm. Nur die Arbeit auf dem Hof war schlimm. Und Giacomos Hass war auch schlimm. Ich musste aufpassen, Giacomo nicht dafür zu hassen. An seinen Hass wollte ich mich nicht gewöhnen.

Blau zu tragen, daran musste ich mich gewöhnen.