Mein erstes Jahr im Internat war sehr schnell vergangen. Unsere Haare waren lang geworden und dann wieder kurz. Ich hatte Ninos Rasierzeug benutzt, heimlich, als Jonathan geschlafen hatte war ich in den Waschraum gegangen, barfuss und betrachtete mich im Spiegel. Gewachsen war ich und dunkler war ich geworden. Augenringe schmückten mein Gesicht und ein Silberring meinen rechten Mittelfinger. Ich hatte ihn im Frühjahr auf dem Weg zum Dorfmarkt gefunden. 

Jonathan wollte auf den Markt gehen, weil er es liebte über ihn zu schimpfen.

»Guck dir bitte mal an, wie dir Tomaten hier aussehen. Ich meine, das ist doch ein Witz. Habt ihr mal die Tomaten auf Sizilien gesehen? Federico weiß, was ich meine. Die müsstet ihr mal sehen, Junge!«

Jeden Samstag fand Jonathan etwas, dass zuhause besser war. Maria wollte auf den Markt, weil sie mochte wie Jonathan schimpfte, glaubte ich. Sie sah ihn dann immer an und ihre Augen waren dann nicht dunkelfrech sonder dunkelwarm. Roberto hatte schon oft versucht, Marias Augen zu zeichnen. Nie war er zufrieden gewesen. 

Jeder von uns mochte dunkelwarm lieber als dunkelfrech, deswegen mochten wir den Samstag. Guiseppe wollte auf den Markt wegen der rothaarigen Bäckerstochter im weißen Sommerkleid. Aber das wusste nur ich, denn Guiseppe hatte es mir an einem Samstag beim Abendessen erzählt, als die anderen nicht zuhörten.

Ich hatte es schon all die Samstage davor gewusst. Kein Mensch aß so viel Brot, wie Guiseppe jeden Samstag kaufte. Eines Samstags hatte ich in einem Strauch am Rand des Schotterwegs der vom Internat ins Dorf führte den Silberring gefunden. 

»Geht schon mal vor«, hatte ich gesagt und getan als würde ich mir die Schuhe binden. Ich trug den Ring seit diesem Samstag, sogar zum Schlafen, obwohl er nicht zu Großvaters Goldkette passte. An diesen Samstag dachte ich, als ich mich zum ersten Mal rasierte. Ich betrachtete das Gesicht im Spiegel und strich mit der silberberingten Hand über die Haare meiner Oberlippe. Und dann rasierte ich mich, schnitt mir in die Lippe und blutete ein wenig. Ich stellte mir vor, dass jemand den Waschraum betrat und dann würde ich dort stehen, mitten in der Nacht, und mich rasieren.  Am nächsten Tag bemerkte es erst Jonathan, dann Maria und dann auch alle anderen. Jedes Mal kam ich mir ein bisschen lächerlicher vor, als ich antwortete »Ja, letzte Nacht im Waschraum«. Am Tag unserer Abreise rasierte ich mich nicht.

Nino besuchte seine Eltern in Bologna und Guiseppe nahm er mit. Maria blieb den Sommer über immer im Internat und ich hätte sie gerne mit nach Hause genommen. Als ich mich von ihr verabschiedete, sagte sie: »Omi und Opi warten schon, Kleiner« und ihre Augen waren einfach nur dunkel. Vielleicht waren sie auch dunkeltraurig, aber das konnte ich nicht sagen, weil niemand von uns Marias Augen in dunkeltraurig kennt. Ich verstand nicht, warum mich jeder Kleiner nannte.

Die meisten Bücher ließ ich im Internat. Es war nur ein Abschied für den Sommer.

Zwei Samstage vor dem Silberringsamstag hatte ich mir einen Leinenbeutel gekauft, keinen dunkelgrünen, einen hellblauen. Ich wollte meine eigenen Leinenbeutelgeschichten erzählen. Weil ich nicht viel mit nach Hause nahm, blieb Großvaters Lederkoffer unter meinem Bett mit der blau karierten Bettwäsche liegen.

Ich vermisste die Hitze. Meine Felsenbucht, in der Jonathan und ich letzten Sommer eine tote Moräne gefunden hatte, fehlte mir. Die Moräne trieb auf dem Wasser, war groß und braun mit gelben Sprenkeln und sah sehr lebendig aus. Nur manchmal wenn der Bauch oben schwamm, konnten wir das klaffende Loch an ihrer Seite sehen. Die tote Moräne zog ihre Hautfetzen wie schmucke Fäden hinter sich her. 

Wir hatten uns gegenseitig Geschichten erzählt, wie die Moräne gestorben sein könnte. Meine Moräne hieß José, so wie jeder in dem Buch von Gabriel Garcia Marquez, das ich in dem Sommer gelesen hatte. Sie war von den anderen Moränen umgebracht worden, weil sie sich gegen das politische System, das eine Gruppe von Moränen unterdrückte, aufgelehnt hatte. Jonathans Moräne hieß Mike, Mike englisch ausgesprochen und hatte sich mit einem Riffhai angelegt, weil sie etwas Verletzendes über die Zahnstellung des Riffhais gesagt hatte. Die Zähne des Riffhais hatten gewonnen. Keiner von uns hatte sich getraut, die Moräne aus dem Wasser zu holen.

 

Manchmal dachte ich nur in Sommern. Später im Zug fragte ich Jonathan ob er schon einmal einen Riffhai gesehen hat. Nein, hat er nicht und überhaupt, wie komme ich denn da jetzt drauf. Wir saßen alleine in unserem Abteil und Jonathan zog die Vorhänge zu, drehte sich eine Zigarette und kippte das Fenster. 

»Die Maria werde ich vermissen«, stieß er in einer Rauchwolke aus.

»Hm«. Das »Ich auch« dachte ich nur. »Die blauen Anzüge aber nicht«, antwortete ich stattdessen.  »Warum? Ich finde die stehen uns gut«, Jonathan grinste und reichte mir die Zigarette. »Ich bin gespannt, wie es Großvater geht«, sagte ich und Jonathans Wangen hingen auf einmal ganz schlaff und mutlos. Den Rest der Fahrt sprachen wir nicht über Großvater und nicht über Maria. Ich schlief und Jonathan rauchte und Jonathan schlief und ich rauchte. Ich stellte mir vor, dass Maria mich so sah mit der Zigarette im Mundwinkel, die Knie an den hölzernen Klapptisch gepresst. An meinem Fenster zogen Wälder und Gärten vorbei und ich fragte mich, ob Nonna den Rauch riechen würde. Ich wachte auf als ein Ehepaar, die Tür zu unserem Abteil aufschob. Durch die halboffenen Lider, sah ich eine Frau mit breiten Hüften und einem Damenbart. Ihr Mann war seinem Hemd entwachsen und aus seinem gebeugten Nacken sprossen schwarze Haare. Die Frau flüsterte ihrem Mann »komm wir gehen weiter, hier stinkt es« zu und ich konnte ihr Zahnfleisch sehen. Der Zug hielt nahe beim Hafen. Es war bereits Nacht und wir setzten uns wieder an den Rand des Hafenwassers und ließen die aufgeweichten, steifen Füße baumeln. 

Ich sagte nicht, dass das Hafenwasser widerlich aussah. Der Geschmack in meinem Mund war sauer, meine Zunge mehlig. Jonathan stand auf, schlenderte unter den Hafenlichtern, stellte sich an einem kleinen Kiosk in eine Schlange aus schmutzigen Arbeitern mit groben Händen und Bierbäuchen und kam mit bitterem, dampfendem schwarzen Kaffee in hässlichen Pappbechern zurück. Im Internat hatte er mich gelehrt Kaffee schwarz zu lieben, der Tee schmeckte nicht. Das Schiff legte bald im Hafen an. Jonathan und ich standen die ganze Fahrt an der metallenen Reling und spuckten ins Wasser. Das Wasser war schwarzweiß und sah nicht widerlich aus.

»Holt uns eigentlich jemand ab?«, fragte ich über das Brummen der Rotorblätter, die die Wassermassen beiseite schoben, hinweg. Es mochte vielleicht zwei Uhr nachts sein. »Klar! Oder sollen wir von Siracusa nach Hause laufen?«.

Siracusa war eine Autostunde von unserem Dorf entfernt. Wenn Jonathan müde war, wurde er schneller wütend. Als wir anlegten, wartete Claudio an die Tür seines Autos gelehnt auf uns. Er hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Sein Hemd war schief geknöpft, ich konnte sein schwarzes Brusthaar sehen. Claudio roch nach Schlaf, als er mich und Jonathan umarmte. Im Auto schaltete er leise das Radio an und ich kurbelte mein Fenster hinunter und ließ Sommernacht ins Auto.