Großvater hatte sich nicht verändert. Seine Haare waren nicht weißer, nicht weniger geworden. Seine Haut war nicht fleckiger, nicht faltiger geworden.

Ich hatte mich verändert und das sagte Nonna mir beim Mittagsessen und als sie mir frische Wäsche auf mein Bett legte. Und sie sagte es mir als sie im Garten saß und sich die Sonne ins Gesicht scheinen ließ, als wäre es nicht Hochsommer sondern die erste Frühlingssonne. Ich strich ihr über die Wange, meiner Nonna und sie hielt meine Hand gedrückt und sagte »Junge, was hast du dich verändert«. 

Ich hatte mich verändert. Ich trug das Hemd in der Hose und Nonnas Lieblingskleid, das mit den Blumen war gerissen. Ich las Bücher über Politik und Nonna hatte weniger Äpfel geerntet. Ich trug blaue Jeans und Nonna hatte noch immer Dreck unter den Nägeln von der Arbeit im Garten. 

Am Nachmittag klopfte Großvater an meine Zimmertür. »Zieh dich an und hol Jonathan. Wir fahren aus«, sagte er. Wir fuhren in Großvaters minzgrünem Fiat Panda. Letzten Sommer hatte ich Jonathan gezeigt, wie man ihn fährt. Außerhalb vom Dorf auf einem Schotterplatz neben einem verlassenen Hof. Ich und die Jungen aus dem Dorf, hatten dort als Kinder gespielt, dann war es unser Hof. Die Gitterstäbe des Tors waren aufgebrochen und der Innenhof verwildert, aber wir fanden den Hof nicht unheimlich. An eine Hauswand hatte jemand einen riesigen grünen Halbkreis gemalt. Neben dem grünen Halbkreis hatte ich den Fiat geparkt und die beiden Farben hatten sehr schön nebeneinander ausgesehen. Dann war ich eine Weile Kreise gefahren, hatte das Auto eingestaubt und gehofft niemand würde uns sehen. Hatte Jonathans Blicke genossen, das Auto wieder neben dem Halbkreis geparkt und »Jetzt du« gesagt und hatte den Sitzplatz gewechselt. Jonathan hatte eine Weile auf dem Fahrersitz gesessen und auf das Lenkrad getrommelt und ich hatte geduldig daneben gesessen, bis mir einfiel, dass er nicht wusste wie man fuhr. Also erklärte ich es ihm. In der Mittagshitze ließ Jonathan die Kupplung kommen und fand den Schleifpunkt. Verpasste den Moment und fuhr wieder an. Als es zu heiß wurde, setzten wir uns unter einen Baum in dem verlassenen Hof.

»Weiß dein Großvater, dass du fahren kannst?«.

»Klar. Großvater sagt, wer ein Mann sein will, muss Auto fahren können. Und ein echter Mann fährt Fiat Panda.« 

Großvater wusste nicht, dass ich Auto fahren konnte. Er half an diesem Tag einem Freund auf dem Feld. 

In der Nachmittagssonne fuhr Jonathan Kurven und als die Sonne unterging parkte er den mintgrünen Fiat Panda schon neben dem grünen Halbkreis. 

Wir wuschen das Auto in Claudios Garage. Wenn Großvater etwas aufgefallen war, dann nur dass sein Auto ungewöhnlich sauber war.

Nun saßen wir zu dritt in Großvaters Fiat und fuhren nach Modica. Großvater liebte Modica. Wenn ich als Kind nicht einschlafen konnte, hatte Großvater manchmal an meinem Bett gesessen, die Hände auf die Knie gestützt und gesagt:

»Wenn du älter bist, nehme ich dich mit nach Modica. Aber älter wirst du nur, wenn du jetzt schläfst«. 

Jetzt war ich also älter, dachte ich als ich durch die Windschutzscheibe auf die Autobahn blickte und mich über die Rosensträucher und Büsche, die in der Mitte der Autobahn wuchsen und die Hälfte der Spur verdeckten, wunderte. 

Ich machte Großvater und Jonathan darauf aufmerksam. Der Fahrtwind übertönte das Radio und Großvater stellte es lauter.  Wir fuhren lange. Modica lag weiter von unserem Dorf entfernt als Siracusa. 

»Hör auf alles mit Siracusa zu vergleichen, Federico. Du kennst Modica doch gar nicht.«, sagte Großvater über das Radio hinweg. 

Es war einer der wenigen Tage im Jahr, an dem Regenwolken, die nicht regneten den Himmel bedeckten und die Sonne tauchte die Stadt in ein grauorange.

Modica war sandfarben, war beige und hellgelb und pastellrosa. 

Modica war alt und kantig, mit grünen Fensterläden, von denen der Lack auf die verzierten Balkone blätterte, die von Netzen gehalten werden mussten. 

Modica war eine enge Gasse mit Marmorboden, spiegelglatt. Großvater parkte den Fiat an der Hauptstraße, die früher einmal ein reißender Fluss gewesen war. Jetzt war sie eine reißende Straße mit Obstständen und Tabakläden, an deren Schilder ein Buchstabe fehlte. Mit dunkelgrün hatte jemand an eine Wand gesprüht »Ich liebe Giulia« und dann doch wieder durchgestrichen.

Eine der Gassen war länger als die anderen und an ihrem Ende war eine Plattform mit Gitter. Wir standen dort, zu dritt und sahen durch das Gitter auf Modica herab. Wenn ich ein Auge schloss, passte in jedes Gitterviereck ein Haus.

Dann kam eine Gruppe von Touristen. Sie waren rotweiß, zu viel Sonne und zu viel Creme und fragten halbenglisch halbitalienisch ob wir von hier kamen. 

Ich sagte nein. Großvater sagte ja und erklärte in seinem schnellsten und unverständlichsten Italienisch den Weg zu der Galerie, die die Touristen suchten. 

Großvater tat das bei allen Touristen. Weil Großvater wusste, sie würden sich dann hinter der nächsten Ecke die rote, trockene Stirn unter ihrem Sonnenhut kratzen.

Mein Großvater hatte einen seltsamen Humor. Die Gasse ging nach der Plattform noch weiter und höher. Oben sahen wir Modica ganz ohne Gitter. Wir sahen die Dachterrassen mit der nassen Wäsche. Auf einer Terrasse stand eine alte Frau mit kurzen Haaren und einem rosafarbenen Kleid. Sie fütterte Katzen, die dieselbe Farbe hatten wie die Dachziegel.

Als wir die enge Gasse wieder hinabstiegen, fragte Großvater »Wisst ihr eigentlich wofür Modica bekannt ist?« und ich hörte ihn leise schnaufen.

Wir wussten es nicht.  »Schokolade«. Großvater führte uns zu einem kleinen Laden, nahe der Piazza. 

Jonathan und ich benetzten uns die Lippen, drückten uns alle Probierstücke mit der Zunge an den Gaumen, die mit Zimt und mit Salz und die mit Erdbeere.

Jonathan kaufte eine Pistazienschokolade, ich einen Vanillekakao und Großvater eine Schokolade mit Karamell. In braunes Papier gewickelt, lag die Schokolade gut in der Hand, auf die Vorderseite war der Kopf der sizilianischen Medusa gedruckt. Die Verkäuferin war nett und dick und hatte einen deutschen Ehemann, das erzählte sie uns als sie mit fleischigen Fingern das braune Papier um die Schokolade wickelte. Hinter Großvater traten Jonathan und ich aus dem Laden. Inzwischen war es dunkel geworden. Auf der Piazza vor uns fuhren kleine dicke Kinder in kurzen Sporthosen Fahrrad. Männer mit Umhängetaschen streckten stolz den Bauch heraus, sie watschelten, breitbeinig, die Haare hatten sie mit Gel im Nacken zu Zöpfen gebunden. Ihre Frauen trugen zu viel Lippenstift, ihre Tshirts saßen knapp unter den Bauchnabeln. 

Im Auto legte Großvater eine Kassette ein, Paolo Conte. Großvater besaß nur eine einzige Kassette, auf einer Seite hat er sie mit seinen winzigen, verschlungenen Buchstaben bekritzelt. Wir standen lange auf der Hauptstraße. Er pfiff leise.

Ich streckte den Kopf aus dem Fenster, ließ mir orangenes Laternenlicht auf die Stirn scheinen. Abends rochen Städte anders. 

Auf dem Sitz neben mir lag auch eine Schokolade für Nonna. Als wir die Hauptstraße verließen, rauchte Großvater eine Zigarette.