Ich wachte auf und mein Blick fiel auf eine Ameisenstraße, die sich unter meiner Zimmertür gebildet hatte. Die Ameisen liefen in einer Linie auf mein Fenster zu. Ich stand auf und strich mit dem Finger durch die Linie.

Beobachtete fasziniert, wie die Ameisen sofort einen neuen Weg fanden.

Barfuss trat ich hinunter in die Küche. Nonna hatte auf der Terrasse den Tisch gedeckt. Großvater saß am Tisch und blätterte in der Zeitung, die Sonne fiel auf sein weißes, dünnes Haar. Ich setzte mich, zog den Stuhl mit den Zehen an den Tisch und nahm mir ein Brot. Als ich es mit Butter bestreichen wollte, krabbelte eine Ameise aus einem Loch im Brot. Ich riss das Brot in Stücke und aus allen Löchern krabbelten, hasteten, huschten Ameisen. Nonna nahm das ganze Brot aus dem Korb, warf es auf den Kompost. Mir verging der Appetit.

»Das war das gute Brot. «, Nonna schüttelte die Brotkrumen und Ameisen von den Fingern. Sie trug den Brotkorb ins Haus. Großvater hatte nicht von seiner Zeitung aufgeblickt. Die Zeitung war eine Woche alt. Ich starrte Großvaters weißes Brusthaar an. Der oberste Knopf seines Hemds stand offen. Ich schenkte mir ein Glas Milch ein. Zwei Gläser Milch waren zu viel. Mit einem Loch im Bauch ging ich zu Jonathan.

Er war alleine zuhause, er saß auf seinem Schreibtischstuhl mit dem Rücken zur Tür und sang ein französisches Kinderlied.

»Il était un petit homme, qui s’appelait Guilleri Carabi.« Er sang weiter, als ich in sein Zimmer trat ohne zu klopfen. Ich legte mich auf sein Bett. Mit verschränkten Armen starrte ich an die Decke. »Weißt du was ich echt beschissen finde?«, fragte ich ihn. »Nein, aber gleich weiß ich es«.

»So viele Autoren lassen die Hauptpersonen in ihren Büchern Autoren oder Schreiberlinge sein. Weil sie nichts anderes können und weil sie nichts anderes kennen. Wollen Künstler sein und Figuren erschaffen, richtige Figuren mit Charakter und Persönlichkeit, aber an Fantasie fehlt’s ihnen. Was herauskommt sind sie selbst, so wie sie gern wären, weißt du. Sie sind zu vernarrt ins Schreiben an sich, verliebt in die eigene Kunst, verstehst du was ich meine? Immer müssen die Hauptpersonen schreiben, is’ doch langweilig.«

Jonathan kippelte auf seinem Schreibtischstuhl und legte den Kopf schief. Er blickte mich eine Weile an, tippte mit dem Fuß. Dann warf er mir ein  Buch zu, das in einem Stapel auf seinem Schreibtisch lag. Auf dem Umschlag war eine schwarzweiße Fotografie von haarigen Beinen in einer Netzstrumpfhose, die in einem engen schwarzen Rock endeten, der bis zum Bauchnabel gezogen war abgebildet. Eine Frauenhand steckte in diesem Rock.  »Was ist das denn?«, fragte ich.

»Liebesgedichte. Ich leih’s dir.«, sagte Jonathan. Ich blätterte durch das Buch. Auf der ersten Seite stand in schwarzen Lettern »AMORE« .

Jonathan erhob sich von seinem Schreibtischstuhl, reckte die Arme in die Luft und öffnete die ersten beiden Knöpfe seines Hemdes.

»Küche«, sagte er. »Durst«, sagte er. 

»Ja«.

Ich saß an dem runden Holztisch in der petrolblau gefliesten Küche. Jonathan schenkte uns Wasser ein. Ich schaltete das Radio an. Irgendein Klavierstück. Jonathan tanzte ein wenig mit seinen bloßen dreckigen Füßen auf dem petrolblau. Ich zählte die Schrammen auf dem weißen Gasherd. »Nonna und Großvater sind heute Abend in Siracusa.« »Wie kommt’s?«

»Einmal im Jahr kommt Perlo D’Angelo ins teatro von Siracusa, das sehen sie sich immer an.«

»Singt er jedes Jahr dasselbe?«

»Glaub schon.«, sagte ich und drehte lustlos am Senderschalter des Radios. Rauschen. Nachrichten. Waldbrände im Süden der Insel. Ein toter Politiker. Er war schon alt gewesen.

»Sag mal, Federico, wieso nennst du deinen Großvater nicht Nonno wie alle anderen auch?«

»Will er nicht.« Ich lehnte mich im Stuhl zurück. Fuhr mir mit den Fingerspitzen über den kahlen Kopf. Als ich noch sehr klein war, hatte ich mit den anderen Jungs auf der Piazza bei der Kirche fangen gespielt. Beim Springen über eine Steinbank blieb ich hängen und schlug mir beide Knie auf. Es blutete fürchterlich bis in die Schuhe. Großvater saß im Schatten auf einer der Bänke daneben, er hielt die Beine überschlagen, legte die Stirn in Falten. Er drückte seine Zigarette an einer Schuhsohle aus und hatte alles mit angesehen.

»Nonno«, schrie ich. »Nonno«, und rannte auf ihn zu. »Schau, meine Knie. Ich verblute«. Großvater auf der Steinbank sah mich lange an, zog die Augenbrauen leicht zur Stirn und faltete die Hände im Schoß.

»Ich heiße nicht Nonno.«, sagte er dann leise und erhob sich. In grünen Hosen marschierte er über den Platz zu dem kleinen Laden von Enzo Geraldini. Ich sah an meinen Beinen hinunter und sah zu wie ein roter Streifen in meine Schuhe lief und dachte, dass sich das komisch anfühlt. Großvater kam mit einem Glas Wasser und drei Kindern auf Fahrrädern zurück. Die drei Kinder blieben im Schatten unter einer Pappel auf ihren Plastiksatteln sitzen und sahen mit großen braunen Augen zu wie Großvater mir die Knie wusch. 

 

 

Die blaue Wand strahlte Jonathans Nacken an. Ich saß breitbeinig und kratzte mich im Schritt. Der Wasserhahn tropfte. Unser Schweigen war schön wie die Fliesen in Jonathans Küche.