Ich wache auf und mein Blick fällt auf eine Ameisenstraße, die sich unter meiner Zimmertür gebildet hat. Die Ameisen laufen unter meiner Zimmertür in einer Linie auf mein Fenster zu. Ich stehe auf und streiche mit dem Finger durch die Linie.

Bin fasziniert, weil die Ameisen sofort einen neuen Weg finden.

Barfuss laufe ich hinunter in die Küche. Nonna hat auf der Terrasse den Tisch gedeckt. Großvater sitzt am Tisch und blättert in der Zeitung. Sonne fällt auf sein weißes Haar. Ich setze mich und nehme mir ein Brot. Als ich es mit Butter bestreichen möchte, krabbelt eine Ameise aus einem Loch im Brot.

Ich reiße das Brot in Stücke. Überall sind Ameisen. Nonna nimmt alles Brot aus dem Korb. Mir ist der Appetit vergangen. 

»Diese Mistviecher. Das ist das gute Brot. Diese Mistviecher, diese verdammten.«

Nonna trägt den Brotkorb ins Haus. Großvater hat nicht von seiner Zeitung aufgeblickt. Manchmal interessiert er sich für nichts. Das macht mich wütend. Die Zeitung ist drei Tage alt. Ich starre Großvaters weißes Brusthaar an.

Der oberste Knopf seines Hemds ist offen. 

Ich schenke mir ein Glas Milch ein. Manchmal habe ich Lust auf ein Glas Milch.

Zwei Gläser Milch sind zu viel.

Mit einem Loch im Bauche gehe ich zu Jonathan.

Er ist alleine. Er singt ein französisches Kinderlied.

»Il était un petit homme, qui s’appelait Guilleri Carabi.« Er singt weiter, als ich in sein Zimmer trete ohne zu klopfen. Ich frage mich nicht woher Jonathan französische Kinderlieder kennt und lege mich auf sein Bett. Mit verschränkten Armen starre ich an die Decke. »Jonathan, weißt du was ich echt beschissen finde?«

»Nein, aber gleich weiß ich es, oder?«

» So viele Autoren lassen die Hauptpersonen in ihren Büchern Autoren oder Schreiberlinge sein. Weil sie nichts anderes können, weil sie nichts anderes kennen. Wollen Künstler sein und Figuren erschaffen, richtige Figuren mit Charakter und Persönlichkeit, aber an Fantasie fehlt’s ihnen. Was herauskommt sind sie selbst, so wie sie gern wären, weißt du. Sie sind zu vernarrt ins schreiben an sich, verliebt in die eigene Kunst, verstehst du was ich sage? Immer müssen die Hauptpersonen schreiben, is’ doch langweilig.«

Jonathan kippelt auf seinem Schreibtischstuhl und legt den Kopf schief. Er blickt mich eine Weile an, tippt mit dem Fuß. Dann wirft er mir ein  Buch zu, das in einem Stapel auf seinem Schreibtisch lag. Auf dem Umschlag ist eine schwarzweiße Fotografie von unrasierten Beinen in einer Strumpfhose, die in einem engen schwarzen Rock endet, der bis zum Bauchnabel gezogen ist. Eine Frauenhand steckt in diesem Rock. 

»Was ist das denn?«, frage ich.

»Liebesgedichte. Aber mal anders. Ich leih’s dir.«, sagt Jonathan. Ich blättere durch das Buch. Auf der ersten Seite steht in schwarzen Lettern »AMORE« .

Jonathan steht auf und öffnet die ersten beiden Knöpfe seines Hemdes.

»Küche«, sagt er. »Durst«, sagt er. 

»Jaja«.

Ich sitze an dem runden Holztisch in der petrolblau gefliesten Küche. Jonathan schenkt uns Wasser ein. Ich schalte das Radio ein. Irgendein Klavierstück. Jonathan tanzt ein wenig mit seinen bloßen dreckigen Füßen auf dem petrolblau. Ich zähle die Schrammen auf dem weißen Gasherd.

»Nonna und Großvater sind heute Abend in Siracusa.«

»Wie kommt’s?«

»Einmal im Jahr kommt Perlo D’Angelo ins teatro von Siracusa, das sehen sie sich immer an.«

»Singt er jedes Jahr dasselbe?«

»Glaub schon.«, sage ich und drehe am Senderschalter des Radios. Rauschen. Nachrichten. 

»Sag mal, Federico, wieso nennst du deinen Großvater nicht Nonno wie alle anderen auch?«

»Will er nicht.« Ich lehne mich zurück. Fahre mir über den kahlen Kopf. 

Als ich noch sehr klein war, habe ich mit den anderen Jungs auf der Piazza bei der Kirche fangen gespielt. Ich bin beim Springen über eine Steinbank hängen geblieben und hatte mir beide Knie aufgeschlagen. Es hat fürchterlich geblutet bis in die Schuhe, Großvater saß daneben, hatte die Zigarette ausgedrückt und sich alles mit angesehen.

»Nonno«, habe ich geschrien »Nonno« und bin auf ihn zugerannt. »Sieh nur, schau meine Knie. Ich verblute«.

Großvater auf der Steinbank hat mich angesehen, die Augenbrauen leicht zur Stirn und hat eine Weile nichts getan.

»Ich heiße nicht Nonno.«, hat er gesagt und ist aufgestanden. In grünen Hosen ist er dann über den Platz zu dem kleinen Laden von Enzo Geraldini. Ich habe meine roten Beine betrachtet und zugesehen wie ein roter Streifen in meine Schuhe lief und gedacht, dass sich das sehr komisch anfühlt. Großvater kam mit einem Glas Wasser und drei Kindern auf Fahrrädern zurück. Die drei Kinder blieben im Schatten unter einem Baum und sahen mit großen braunen Augen zu, wie Großvater mir die Knie wäscht. 

 

Jonathans Nacken wird von der Wand angestrahlt. Ich kratze mich im Schritt. Der Wasserhahn tropft. Unser Schweigen ist schön und blau wie die Fliesen in Jonathans Küche.