»Schau die Berge«, ruf ich Jonathan durch den Fahrtwind zu.

»Das sind keine Berge«.

»Was soll es denn sonst sein?«

»Weiß nicht. Ist ja auch egal.«

Wir haben das Mofa von einem Nachbarn geklaut und fahren zu den Wasserfällen.

Wir fahren lange. Über graue schlechte Straßen durch rostbraune Landschaft. Ich grinse Jonathan im Rückspiegel zu. Jonathan trägt jetzt einen Ohrring. Claudio hat ihn gestern mit einer Nadel gestochen. Wir mussten lange auf Claudio einreden.

»Ein Mann trägt keine Ohrringe«, hat Claudio gesagt und sich immer wieder die alten Augen gerieben. Jonathan ist durch das Haus gelaufen. Hat mit der Küchentür geknallt. Ist wieder in die Küche gekommen. Hat geschrien »Wie kann man nur so altmodisch sein? Siehst du nicht, dass ich nicht bin wie du? Siehst du das nicht? Ich pfeif auf deine Traditionen! Und überhaupt pfeif ich auf deine blöden Schubladen«.

Dann ist er wieder raus aus der Küche, hat wieder die Tür geknallt. Ich saß mit Claudio am Küchentisch und habe erst die Küchenuhr über dem Herd und dann meine schmutzigen Fingernägel betrachtet. Claudio hat nur sehr laut geamtet. Dann kam Jonathan wieder hereingestürmt und hat geschrien »Es ist mein gutes Recht Claudio, es gefällt mir so. Ja, mir gefällt es!«. So stand er da, in der Mitte der Küche wütend wie ein Kind. 

»Ist ja gut, Junge, jetzt hör schon auf so zu schreien«, Claudio hat mit der linken Hand gewinkt, ist aufgestanden und in die Kammer im Flur gegangen. Er kam mit einem Werkzeugkasten und dunklen Gesicht zurück, hat ein Tuch auf dem Tisch ausgebreitet und den Werkzeugkasten darauf geknallt. Dann war es sehr still in der Küche. Nur die Uhr hat laut ins petrolblau getickt.

»Was nun, Junge? Leg deinen Kopf hier hin.« Jonathan hat mir einen Blick zugeworfen und seinen Kopf auf das Tuch gelegt. Claudio hat eine Nadel und einen Hammer aus dem Werkzeugkasten genommen. Jonathan hat sehr geblutet. Jetzt glänzt sein Ohrring im rechten Außenspiegel des geklauten Mofas. Am Wasserfall stellen wir es in ein Gebüsch und legen Äste und Gräser darüber. Wir gehen eine steile Steintreppe zum Fluss hinunter. Wir sind fast alleine. Nur ein sehr weißes englisches Touristenpaar sitzt in bunten Hemden auf einer Decke am Flussufer. Wir ziehen uns bis auf die Unterhose aus. Das Wasser ist auch im Sommer eiskalt. Wir waten in die Schlucht. Am Ende der Schlucht ist der Wasserfall sehr laut. Die fast schwarzen Felswände der Schlucht sind so glatt, dass ich mich darin spiegle. In einen Felsen ist ein verrostetes Schild genagelt. »Hier nur auf eigene Fahr«. Wir lachen. Wir gehen weiter. Ich friere sehr und sage nichts. Wir haben Gänsehaut auf den dünnen braunen Oberschenkeln. Wir tauchen zwei Mal unter, schaffen es nicht bis zum Wasserfall und drehen um. Das Paar und die bunten Hemden sind vom Flussufer verschwunden. Jonathan und ich klettern auf der anderen Seite des Flussufers über fast schwarze glatte Felsen, hohe Gräser und weißen Sand. Auf dem Weg sind moosige Wasserlöcher in denen winzige Frösche sitzen. Wir fangen Frösche mit den bloßen Händen. Jonathan fängt einen besonders Kleinen. Er versucht Jonathans Handgefängnis zu entfliehen und Jonathan lässt ihn fallen.

Der Frosch landet auf dem Rücken und zeigt uns seinen weißen Bauch.

»Findest du das fair?«, frage ich ihn.

»Was denn?«

»Na, stell dir vor du bist baden, denkst an nichts, genießt die Sonne und auf einmal kommt ein riesiges hässliches Etwas, hebt dich auf, betrachtet dich und lässt dich dann fallen.«

»Ach, sei doch nicht so empfindlich, Kleiner.«

»Nenn mich noch einmal Kleiner«, sage ich und Jonathan rennt mir davon. Ich bin schneller als er. Auf einem Felsen nah am Wasser rutscht er aus und schlägt sich das Kinn auf. Das Blut fließt ihm über den Kehlkopf auf die Brust. Er geht zum Fluss und taucht den Kopf unter Wasser.

»Wird bestimmt `ne tolle Narbe. Maria wird sie gefallen.«, rufe ich ihm zu und lache.

»Halt den Mund, Mann.«

»Ach, sei doch nicht so empfindlich, Kleiner.«

Manchmal weiß ich nicht, wann genug ist. Ich glaube, Jonathan hat das Kinn sehr wehgetan. Gesagt hat er nichts. Ich laufe zu ihm ins Wasser. Später gehen wir  schweigend zum Flussufer und unseren Kleidern zurück. Angezogen klebt meine Hose an meinen nassen Beinen. Etwas Spitzes in meiner rechten Hosentasche sticht mir in den Oberschenkel.

»Schau mal Jonathan, weißt du noch die Lavasteine die Großvater uns einmal vom Etna mitgebracht hat? Ich muss meinen wohl hier in der Tasche vergessen haben.«

Ich halte ihn gegen die Sonne. Er wirft einen Lavaschatten auf mein Gesicht. Der Stein ist warm und tiefschwarz und löchrig. Eine Weile stehe ich so da, mit dem Stein in der Hand und sehe zu, wie Jonathan nicht in seine Hose kommt. Einbeinig auf den Flussufersteinen, die Füße staubig dreckig, das Hemd offen und die Wunde auf dem Kinn hellrosa ausgewaschen.

»Tut mir leid«, sag ich und sehe an mir hinunter auf meine Ledersandalen. Der Riemen des rechten Schuhs wird bald reißen. Jonathan sagt nichts. Er ist mir nicht mehr böse. Ich stecke den Lavastein zurück in die Tasche. Meine Hände sind staubigschwarz. Jonathan sagt »Du siehst aus, wie ein Junge aussehen muss. Schmutzig.«

Die Treppe zur Straße hört nie auf. Wir gehen am Seitenstreifen der Straße entlang zu dem Gebüsch wo wir das Mofa versteckt haben. 

Das Mofa ist weg.

»Scheiße, wie kann das sein? Bist du sicher, dass es hier war?« Jonathan nickt. Ich bin mir nicht sehr sicher. Wir suchen das ganze Gebüsch ab. Treten Gestrüpp zur Seite. Das Mofa ist nicht da.

»Das kann doch nicht sein, Federico, warum hast du das Schloss nicht einfach mitgenommen?«

»Schrei mich nicht an! Wessen Idee war es denn das verdammte Mofa zu klauen? Außerdem hättest du selber an das Schloss denken können, es lag direkt neben dir auf dem Fensterbrett!«

Jonathan setzt sich auf den Boden und kickt Steine.

»Was machen wir denn jetzt«, er senkt den Kopf. Ich lasse mich neben ihn auf die trockenen Gräser fallen. Ellebogen auf die Knie gestützt.

»Sollen wir laufen?«, frage ich. Jonathan kickt weiter Steine.

»Das nervt.«, sage ich als Jonathan aufspringt und über die leere Straße rennt. Er verschwindet im Gebüsch. Ich höre ihn irgendetwas rufen. Er kommt mit Mofa und Grinsen aus dem Gebüsch. 

»Wie kommt das denn bitte dahin?«, frage ich. Jonathan sitzt schon auf.

»Ist doch echt egal. Hauptsache, dass geklaute Mofa wurde nicht geklaut.«, sagt er und macht eine Kopfbewegung ich soll aufsteigen.

Auf der Rückfahrt klingt der Wasserfall in meinen Ohren nach. Vielleicht ist es auch der Fahrtwind. Ich frage mich, wie das Mofa auf die andere Seite der Straße gekommen ist. Jonathan hat gesagt, er hat es durch das Gebüsch blitzen sehen. Ich glaube, er wollte nicht zugeben, dass wir das Mofa auf der anderen Seite abgestellt haben. Im Dorf schieben wir das Mofa in den Garten des Nachbarn. Wir gehen zu mir. Nonna betupft Jonathans Kinn mit einem nassen Tuch, schüttelt dabei die ganze Zeit den Kopf und flüstert vor sich hin.

Jonathan sitzt still, ein kleiner Junge auf Hocker und über ihn gebeugt Nonna im Blumenkleid.

»Du hast Recht, Federico. Maria wird die Narbe gefallen.«