Wir rannten. Wir hatten dem Dorfpfarrer einen Schlüssel geklaut. Wir müssten nicht rennen. Der Dorfpfarrer war ein Säufer. Als wir durch das Fenster seines Schlafzimmers gestiegen sind, waren wir laut. Riccardo Lombardi soff gern und sang dann Balladen. Wenn Lombardi wütend war, dann sang er nicht. Er saß dann schnaufend auf einem alten Hocker und schwitzte kleine Perlen auf der Stirn. Wenn Lombardi wütend war, dann stiegen wir nicht durch sein Fenster ein. Wir beobachteten ihn nur. Lombardi glaubte schon lange nicht mehr an den Herrn. Niemand kam zu seinen Gottesdiensten. Die Dorfbewohner mit Gott gingen an heißen Tagen in die Kirche um mit ihrer Madonna alleine zu sein. Lombardi saß dann mit den anderen Alten auf der Piazza und trank.

Wir rannten durch unsere schattigen Gassen, vorbei an der Dorfschule, vorbei an den kleineren Piazze. Im Laufen fiel Jonathan sein Tabak aus der Hosentasche. Er lief wie ein Angeschossener, zog ein Bein leicht nach. Das hatte er sich mal in der Großstadt bei Älteren abgeguckt. Er fluchte. Auf dem Kirchplatz fuhren kleine Brüder und Schwestern auf Fahrrädern Kreise. Sie würden sich nicht wundern, dass wir in die Kirche gingen. Ich blickte kurz auf zu der sandfarbenen Mariastatue über der dunklen Tür. Sie sah leidend auf uns herab. Die Holztür schloss laut. In der Kirche war es kühl. Die Luft stand. Wir gingen mit nacktem Oberkörper durch die hölzernen Bankreihen hinter zu der kleinen Tür neben dem Altar. Unsere Dorfkirche war schön. Lombardi hielt seine Siesta an den heißesten Tagen auf einer der Bänke. Jonathan stand schon über das rostige Schloss gebeugt. Durch die bunten Kirchenfenster fiel rotes Licht auf seine dreckigen Waden. Er pfiff leise durch die Zähne, wie immer wenn er keine Lust hat laut zu fluchen. Die kleine Tür öffnete sich knarzend. Jonathan hielt sie weit auf und machte eine Geste mit der Hand. »Die Dame, bitte treten Sie doch ein.« Ich spuckte ihm vor die Füße. Die Treppe zum Kirchturm war nicht so schön wie die Kirche. Wir hinterließen Fußabdrücke im Staub. Der Kirchturm hatte einen Vorsprung, gerade so groß, dass Jonathan und ich uns hinlegen konnten. Wir konnten die Beine baumeln lassen und hatten Sicht auf den hellen Kirchplatz und die schiefen Balkone und die Wäscheleinen. Wir konnten der Mariastatue auf den Kopf spucken. Einmal traf ich direkt in ihre geöffnete Hand. Heute spuckten wir nicht, wir lagen auf dem Rücken und die heißen Steine brannten Muster in die Haut. Jonathan drehte ununterbrochen Zigaretten. Ich kaute Kaugummi, spuckte ihn in die Luft und wollte ihn mit dem Mund wieder auffangen. Er landete irgendwo zwischen den roten Ziegeln des Kirchdachs. »Eine Woche noch«, sagte ich. Jonathan schnaubte durch die Nase. »Freust du dich das erste Mal zurück zu kommen?«. Ich zuckte mit den Schultern.

»Muss Großvater später beim Streichen helfen, bist du dabei?«

»Klar.« Wir rauchten und schweigen. Ich blickte in die einzelnen Wolken am Himmel. »Leute sind komisch.«, sagte ich. Jonathan sagte nichts. 

»Ich verstehe nicht, warum man in allem immer mehr sehen will, als da ist. Das ist eine Wolke. Eine fette weiße Wolke. Kein Tier, kein Gesicht. Da ist kein Gott der als Wolke auf unsere Welt runterschaut.« »Hast halt keine Fantasie«, sagte Jonathan.

»Klar hab ich Fantasie. Ich mein ja nur, ich finds’ beschissen. Rational denken, weißt du was ich mein?«

»Hör auf deinen Großvater zu spielen. Ich finde die Wolke da sieht aus wie sein Bart.« »Und ich finde die da sieht aus wie dein Mädchenarsch«, sagte ich und deutete mit der Zigarettenhand.

»Bist neidisch auf meinen Arsch?«

»Im Leben nicht.« Die Sonne war zu unbarmherzig um zu raufen. Sie brannte ein bisschen auf den Lippen, als wir uns angrinsten. 

»Auf Maria-Theresas Arsch freu’ ich mich«, sagte Jonathan, leckte das Papier am Klebestreifen und drehte die Zigarette einhändig zu.

»Auf den freut sich jeder«, antwortete ich und lehnte den Kopf an die steinerne Wand hinter mir. Wir schnipsten unsere Zigaretten mit zwei Fingern auf den Kirchplatz. Meine flog weiter. Ich ging in die Hocke. »Großvater wartet.«

Wir ließen die kleine Tür neben dem Altar unverschlossen. Wir wollten am Abend vielleicht wiederkommen. Lombardi schlief mit offenem Mund, als wir durch sein Fenster stiegen, beim Atmen zog er einen weißen Spuckefaden ein. Es stank nach Pisse. Wir strichen alle Türen im Haus stahlblau. Großvater hatte früher einmal ein Holzboot in dieser Farbe besessen. Irgendwelche Dreckskerle klauten es und ließen ihm nicht einmal den Pfahl an den es gebunden war. Großvater sprach viele Tage nicht mehr.

Farbe tropfte auf meinen Fußrücken, Nonna summte in der Küche zu einem Lied aus dem Radio. Als alle Türen gestrichen waren, saßen wir zum Kaffee um den Küchentisch. Jonathan und ich trommelten mit den Fingern auf die Tischplatte, schoben ungeduldig die Stühle zurück, als Großvater den letzten Schluck getrunken hatte. Wir packten Brot in eine Stofftasche und Tomaten und zwei Taschenmesser. 

Der Kirchplatz war leer, die Kinder aßen bei geöffneten Fenstern zu Abend, ihre Fahrräder lagen wie Haustiere vor den Türen. Nur Tauben gurrten unter den Pappeln, als wir noch einmal unter der Maria in die Kirche traten.