Jonathan und ich waren fast Brüder. Kramer ließ immer noch auf sich warten und ich blickte immer noch die blaue Schwalbe an. Die anderen Jungs in Großvaters Dorf hatten Motorräder. Alte, laute Motorräder, die nachts durch die Gassen knatterten. Kleine Jungs, zehn oder elf, mit dreckigen T-shirts, braunen Händen und noch kleineren Geschwistern, die sich um ihren Bauch klammerten.

Eigentlich war es nicht nur Großvaters Dorf. Eigentlich war es auch mein Dorf und ein bisschen und mehr Jonathans. An dem Tag vor ungefähr fünf Jahren, saß Jonathan auf einer Bank im Schatten auf dem großen Platz vor der Kirche. Die Kirche in unserem Dorf war alt und hatte die Farbe von Sand. Von der Mariastatue über der Kirchglocke war die linke Hand und der Saum des Kleides abgebrochen. Im Schatten dort saß Jonathan. Nicht wie sonst die Alten auf ihren Klappstühlen. Es war Siesta und niemand außer Jonathan und mir waren auf unserem Dorfplatz. Auf  Jonathans aufgeschlagenen Jungenknien lag ein dunkelblaues Notizbuch, das abgegriffen aussah. Jonathan hatte mich noch nicht bemerkt oder er wollte mich nicht bemerken. Er kaute auf einem kurzen Bleistift.  Vielleicht weil er nicht aufsah, setzte ich mich neben ihn. »Was schreibst du da?«. Jonathan klappte das Buch zu und sah mich an als hätte ich ihn beleidigt. Ich legte den Kopf auf die Knie. Jonathan wandte sich wieder seinem dunkelblauen Notizbuch zu und tat sehr geschäftig. »Listen«, antwortete er und sagte das, als wäre es sehr normal Listen zu schreiben.

»Aha.«, sagte ich und tat so als wäre es sehr normal Listen zu schreiben. Eine Weile lang sprachen wir nicht.

»Ich bin Jonathan«, sagte er plötzlich. Ich musste lachen und bereute es gleich wieder. »Was für ein lustiger Name!«

In unserem Dorf hieß man nicht Jonathan. Er sah mich ernst an, mit Augen so grün wie die Blätter der Glyzinie in Nonnas Garten. »Ich bin Federico«. Jonathan nickte, eine Haarsträhne fiel ihm ins Gesicht.

Er nahm sie in dem Mund und kaute darauf. Mir fiel Nonna ein, »Junge, lass das, du machst dir noch die Haare kaputt«, mit einem Kniff in die Wange.  An diesem Tag war ich 10, Jonathan war 12. Nach diesem Tag wurden wir noch viel mehr, Jonathan und ich.