Maria ist älter geworden. Wir sitzen im Essensaal. Die bunten Plastiktischdecken sind noch genauso hässlich. Metallbesteck auf Plastiktellern. Stimmen, Sommerworte, neugierige Jungenaugen in braunen Gesichtern, geheftet auf Mädchen, die als junge Frauen aus dem Sommer kommen. Wir lagen uns in den Armen, wir von la famiglia. Zwicke in die Wangen und Männerküsse auf Wangen. Nino überragt uns jetzt um einen Kopf. Nur Jonathan reicht ihm zur Nase. Braune Hände mit Silberringen klopfen unruhig auf die Früchte auf den Tischdecken. Ich sehe sie. Jonathans Augen, die immer länger als einen Moment auf Maria bleiben. Ich kenne diesen Blick.

»Das will ich«, sagt er. Aber auch Nino sieht Maria durch die Gläser seiner Hornbrille länger an als sonst.

Nur Guiseppe stochert lustlos in seinem Teller.

»Mensch, das Essen hat mir wirklich nicht gefehlt«, sagt er und dabei fallen ihm blonde Strähnen in die Augen. Guiseppe trägt jetzt Mittelscheitel. Das hat er sich in Wien abgeguckt. Jonathan und ich haben ihn ausgelacht. Es steht ihm wirklich gut.

Die Tür zum Essensaal öffnet sich und der Direktor tritt mit der alten Strenge auf der Stirn ein. Hinter ihm ein Mädchen.

Die Stimmen werden leiser und ersticken dann in angespannter Stille. Köpfe mit Kinderaugen, Jungenaugen, Mädchenaugen drehen sich. Das Mädchen steht im Türrahmen. Sie verschränkt nicht ihre Arme, spielt nicht mit den Händen oder fährt sich durch die Haare. Ihre hellgrünen Augen fliegen nicht. Das Mädchen steht im Türrahmen und auf ihrem dunkelblauen Kleid sind bunte Fische. Ich muss an den Geruch von Zitronen denken. »Il mio limone«, möchte ich in eines ihrer hübschen kleinen Ohren flüstern. Ich denke, dass sie hübsche kleine Ohren hat.

Das Mädchen ist die Tochter des Direktors. Sie heißt Olivia. Es passt nicht. Ich werde sie Limone nennen. Wir essen nicht auf und gehen früher als die anderen. Aufzuessen heißt zu ehren. Wir ehren nur das Essen unserer Familien. Wir laufen durch die Gänge, die nach Putzmittel riechen. Wir nehmen uns allen Platz. Zu fünft sind Jonathan und ich keine blauen Brüder, wir sind Geschwister in la famiglia. Zu fünft nehmen wir uns was wir wollen. Jeder auf seine Art. 

Die Tür zum Atelier steht offen. Es ist stickig. 

»Roberto? Vecchio sacco, wo bist du?« Maria ist so laut wie immer. Manchmal lässt sie niemandem Luft zum Atmen mit ihrer heiseren Stimme und den dreckigen Worten eines Jungen. Wie sie sich mit der Zunge über die Zähne fährt, wenn sie grinst und ihr Diamantenohrring glitzert. Ich gehe als erstes in die kleine Kammer neben dem Atelierraum. Gestapelte Farbtöpfe neben der Matratze mit dem geblümten Bettbezug. Roberto Lentini sitzt mit dem Rücken zur Tür, die Beine angezogen auf der Matratze und starrt aus dem kleinen dreckigen Fenster. Wir stehen gedrängt. Schweigen. Warten. Langsam dreht sich der Kopf mit den dunklen, abstehenden Locken zu uns. Roberto weint. Die Tränen verlaufen sich in den Bartstoppeln an der dunklen Stelle über dem Adamsapfel. Wir stehen gedrängt und schweigen. Guiseppe  »Was...?«

Roberto macht eine zeigende Bewegung mit der Hand. An der Wand hinter uns hängt der aufgeschlitzte Körper Napoleons. Darüber waren mit dem Blut des kleinen Hausschweins die Worte »ladro« und »traditore« geschrieben. Verräter. Lügner. Maria entfährt ein spitzer Schrei. Wir setzen uns in einen Kreis und schweigen. Nino weint. Nino sieht schön aus, wenn er weint. Ich drücke mit den Fingernägeln in meine Handballen. Als Roberto nach langer Zeit den Blick hebt, schreit Jonathan ihn:

»Welches Drecksschwein hat das getan?! Sag’s mir Roberto ich muss es wissen!«

Roberto starrt an eine Stelle an der Wand hinter mir.

»Wie kannst du hier so sitzen? Wehr dich! Roberto, wir müssen was tun!«

Jonathan ist aufgestanden, die Arme ausgebreitet und die Adern an seinem Hals treten heraus. Maria steht auf und stellt sich nah vor ihn hin. »Genug, Jonathan, setz dich.« Mehr nicht. Es ist ein Kampf zwischen den Augen zweier Krieger. Jonathan atmet laut. Maria gewinnt. Es ist ein sinnloser Kampf. Wir alle wissen es. Wir wollen es an die Wände schreiben, wollen es in die Gänge des Hauses schreien, es im sich winden Treppenhaus nachhallen lassen. Wir werden Napoleon rächen.

Roberto starrt wieder aus dem kleinen Fenster.

»Warte hier«, sage ich mit einer Stimme, so fest wie sie klingen sollte und gehe durch das Atelier auf den Gang und durch das hölzerne Treppenhaus hinaus in den Garten. Die Augen schwarz matt zielstrebig. Ich kenne eine Stelle hinter dem Gemüsebeet, schon hinter den Sträuchern, dort wo das offene Feld anfängt. Dort steht ein Baum, groß, alt und einfach. Manchmal wenn ich Marias rotzigen Gang nur schwer ertragen kann, wenn ich Guiseppe um seine Unberührtheit beneide, dann sitze ich mit breiten Beinen unter dem großen einfachen Baum.

»Hier«, sage ich und fange an zu graben. Zu fünft auf schmutzigen Knien und mit Schweiß im Nacken graben wir mit den Händen.

Napoleon soll in Frieden ruhen und das sagen wir zu sechst, als wir in einem Kreis um das Grab stehen.

Die rechte Hand auf die Herzen, die linke streut die schönsten Blumen darüber.

»Riposa in pace«, flüstert Roberto und flüstern auch wir ein letztes Mal, bevor wir ihn im Schneidersitz unter dem Baum alleine lassen.

Auf dem Rückweg klaue ich eine Zitrone aus dem Garten und träufle nachts ein wenig von ihrem Saft ein mein Kissen.