Maria sah älter aus. Wir saßen im Essensaal. Die bunten Plastiktischdecken waren noch genauso hässlich. Metallbesteck kratzte auf Plastiktellern. Stimmen, Sommerworte, viele Mädchen trugen jetzt kurze Röcke aus denen dünne Beine herausragten. Wir lagen uns in den Armen, wir von la famiglia. Kniffen uns und küssten einander die Wangen. Nino überragte mich um einen Kopf. Jonathan reichte ihm bis zur Nase. Als ich in mein Brot biss, sah ich Jonathans Blicke. Sie ruhten auf Marias Händen. Sie trug silbernen Nagellack, die Ränder waren abgekaut. Sie stand auf um sich Nachschlag zuholen, wir sahen ihr nach. Sie bewegte sich anders, schlenderte durch die Tischreihen und setzte die Füße voreinander wie ein Puma in der Nacht. Als sie sich setzte, senkte Nino den Blick. Sie schlang Karotten, Erbsen, weichen Brokkoli auf dem Silberlöffel hinunter, ich traute mich nicht sie anzusehen. Ich sah nur ihr verzerrtes Bild in den dicken Gläsern von Ninos Hornbrille. Guiseppe schob sein Gemüse auf seinem Teller hin und her, spießte es auf, ließ die Gabel am Rand seines Tellers liegen und lehnte sich auf der Bank zurück. Guiseppe trug jetzt Mittelscheitel. Das hatte er sich in den Cafés in Bolognas Straßen abgeguckt. Jonathan und ich hatten ihn ausgelacht. Der Scheitel stand ihm gut.

Die Tür zum Essensaal öffnete sich und der Direktor trat ein. Das weiße Licht der hohen Deckenlampen warf tiefe Schatten in sein pockennarbiges Gesicht. Hinter ihm stand ein Mädchen. Die Stimmen wurden leiser und bald war nur noch das Kratzen der Messer und Gabeln zu hören. Köpfe drehten sich, Jungen wischten sich mit Servierten über die Münder, viele reckten die Hälse. Das Mädchen blieb im Türrahmen stehen und blickte durch den Raum. Ich musste daran denken, wie ich als Kind lange im Türrahmen des Kuhstalls von Gabriele stand. Ihm gehörte ein Hof in unserem Dorf, manchmal war Großvater mit mir dort Milch kaufen gegangen. Er und Gabriele unterhielten sich im Schatten, er bot uns Feigen an. Oft stand ich im Türrahmen des Kuhstalls und betrachtete die dünnen, beigen Kühe beim Fressen. Auf dem dunkelblauen Kleid des Mädchens schwammen korallenfarbene Fische, die Linien ihrer Schuppen waren fein, das konnte ich erkennen. Ich musste an den Geruch von Zitronen denken. »Il mio limone«, wollte ich in eines ihrer Ohren flüstern. Sie hatte die Haare hinter die Ohren gestrichen, ich sah, dass sie klein waren und ein wenig abstanden. Das Mädchen war die Tochter des Direktors. Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und schob sie in den Raum. Sie hieß Olivia. Ich würde sie Limone nennen. Wir aßen nicht auf und gingen früher als die anderen. Aufessen hieß ehren. Wir ehrten nur das Essen unserer Familien. Olivia stand noch da, wo ihr Vater sie hingeschoben hatte. Maria sah ihr beim Vorbeigehen direkt ins Gesicht, Jonathan drängte sich an Maria. Wir liefen durch die Gänge, in denen der Geruch von Putzmittel und Bohnerwachs stand. Wir nahmen uns allen Platz. Die Tür zum Atelier war angelehnt, sie hing ein wenig schief in ihren Angeln. Die Fenster standen weit offen. 

»Roberto? Vecchio sacco, wo bist du?«, rief Maria ins Zimmer als würde sie nach ihrem Haustier rufen. Maria mit den dreckigen Worten eines Jungen. Maria, die mit der Zunge schnalzte und sich über die Lippen leckte. Ich trat als erstes in die kleine Kammer neben dem Atelierraum. Der geblümte Bettbezug der Matratze auf dem Boden war voller Flecken. Roberto Lentini saß mit dem Rücken zur Tür auf der Matratze, die Knie zur Brust gezogen. Als er sich zu uns drehte, sah ich, dass ein Speichelfaden in seinem Bart hing. Tränen standen ihm in den Augen, die Haut seiner Tränensäcke glich der eines gerupften Huhns. Wir standen betreten Schulter an Schulter, keiner traute sich zu fragen. »Hinter euch«, sagte Roberto. Als wir uns umdrehten, hing an der Wand der aufgeschlitzte Körper Napoleons. Darüber waren mit dem Blut des kleinen Hausschweins die Worte »ladro« und »traditore« geschrieben. Verräter. Lügner. In einem Halbkreis setzten wir uns unter den Leichnam, Nino ließ den Kopf hängen, ich hörte, wie Maria laut ausatmete. Ich blickte in den Bauch des Schweins, sah die Nervenstränge und seine blauen Adern. 

Roberto erhob sich von seinem dreckigen Trauerlager, Jonathan stand vom Boden auf. Er brach unser Schweigen »Welcher ehrenlose Teufel hat das getan?«, er ballte eine Faust, ich sah wie sein Hals rot wurde und hörte wie seine Stimme heiser wurde.

Er blickte Roberto ins Gesicht und sein Mund stand offen. Robertos Arme hingen an seinem Körper herunter, er wog sich leicht vor und zurück. »Warum tust du nichts?«, jetzt schrie Jonathan und Maria stand auf und stellte sich nah vor ihn hin.

»Genug, Jonathan, setz dich.« Es war ein stiller Kampf, ich musste an Katzen denken, die Fell und Ohren aufstellen. Maria gewann und es war ein sinnloser Kampf. Wir würden Napoleon rächen. Das wollte ich ins Treppenhaus schreien und alle Türen in den Gängen aufreißen. Wir alle waren aufgestanden und ich schlug mit den Händen zweimal auf meine Oberschenkel, sagte »kommt mit« und stellte die Stimme tief. Ich führte uns die sich windende Treppe hinab in den Garten und spannte alle Muskeln an. Ich kannte eine Stelle hinter dem Gemüsebeet, schon bei den Sträuchern, dort wo das offene Feld anfing. Dort stand ein Baum, er war nicht besonders schön, seine Äste waren dünn. Manchmal, wenn ich Marias rotzigen Gang nicht ertrug, wenn ich Jonathan um seine stolze Brust beneidete, dann setzte ich mich breitbeinig unter diesen Baum. »Hier«, sagte ich und fing neben einer Wurzel an zu graben. Die anderen ließen sich auf die Knie und wir gruben zu fünft Napoleons Grab. Das Loch war tief, ich mochte den Geruch der Erde nicht, ich wischte mir die Hände an den Hosen ab und holte Roberto. Als ich ins Zimmer trat, kniete er über Napoleon, er hatte ihn von der Wand genommen und wischte mit einem nassen Leinentuch das getrocknete Blut von seiner rosafarbigen Haut. Wir rollten ihn in ein frisches, geblümtes Bettlaken und Roberto trug ihn wie ein Kind hinaus in den Garten. Wir ließen Napoleon in die Erde und legten die rechte Hand auf die Herzen.

»Riposa in pace«, sagte Roberto und nickte und wir alle nickten uns zu, drückten Roberto die Schulter und ließen ihn allein unter meinem Baum. 

Die anderen gingen vor und ich ließ mich zurückfallen, klaute mir eine Zitrone von einem kleinen Baum im Garten. Abends knipste ich mein Nachtlicht an, kratzte mit dem Zeigefinger den Dreck von ihrer Schale, schnitt sie mit meinem Taschenmesser in der Mitte durch und träufelte ein wenig von ihrem Saft auf mein Kopfkissen.