Ich lehnte mit dem Rücken an dem hässlichen Baum. Ich las einen Kurzgeschichtenband. Ich hatte ihn aus der Bibliothek geklaut. Er passte perfekt in den Bund meiner Hose. Die Geschichten waren altmodisch. Ich mochte das Buch. Ich übte mich im Klauen, ich hatte mit den Büchern begonnen, die niemand lesen wollte, ich blätterte durch die ersten Seiten und legte sie einen Tag später zurück. Dieses Buch war anders, auf dem Einband war in roten Tönen die Fotografie eines jungen Mädchens abgebildet. Es hatte dunkle Augen und einen kleinen Mund, der wie ein Herz geformt war. Ich stellte mir vor, dass das Mädchen meine junge Mutter war, dass sie diese dunklen Augen hatte und diesen Herzmund.

Es waren Stimmen hinter den Sträuchern des Gartens. Die Köpfe eines Lehrers und des Direktors tauchten über dem Grün auf. Die Sonne spiegelte sich in ihren Glatzen. Darum ein grauer Haarkranz. Ernste, hängende Mundwinkel. Hinter den beiden Männern stand Olivia, sie hielt die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sie hörte ihnen nicht zu. Ich sah, wie ihr Blick die Blätter und Äste des Gestrüpps streifte, wie sie ihren Kopf dann hob und mir durch die Sträucher direkt ins Gesicht guckte. Sie trat aus dem Gestrüpp und legte den Kopf kurz schief, ihr Kleid war rot. Schuhe trug sie nicht. Ich steckte das Buch zurück in den Hosenbund. Sie kam auf mich zu, balancierte ein wenig mit den Armen, wie jemand der nicht oft barfuss lief. »Was machst du?«. »Sitzen. Du?« Sie stand vor mir, stemmte die Hände in ihre Seiten und sah von oben auf mich herab.

»Du gehörst zum Direktor, stimmt’s?«, fragte ich. Die Rinde drückte Bilder in meinen Rücken. »Ich gehöre zu mir.«  Sie ließ die Arme hängen.

»Aha.«. Ich verschränkte die Ellebogen auf den Knien, zog die Nase hoch wie Nino es tat, wenn er ein Mädchen sah, dass ihm gefiel.

»Machst du das oft?«.

»Was?«. »Sitzen.« »Ab und zu.«, gab ich zurück, nickte mit dem Kopf auf den freien Erdhügel neben mich. »Magst du?«. Olivia setzte sich, streckte die Beine aus, berührte mit den Händen ihre Zehen. Als sie sich so vorbeugte, drückten sich im Nacken ihre Wirbel durch die Haut, kleine weiße Hügel. Eine Windböe ließ den Baum knarren, zerrte an Olivias Haaren. Sie roch nicht nach Zitronen. 

»Ganz schön klobig«, sagte sie. »Was?«. »Deine Knie. Das gefällt mir«, als ich ihr ins Gesicht sah lächelte sie und dabei wurden ihre Lippen ganz schmal.

»Ist das hier dein Baum?«, fragte sie nach einer Weile.

»Das ist ein Friedhof.« Ich zeigte auf den kleinen Erdhügel. 

»Dort haben wir Napoleon begraben.« Gemeinsam betrachteten wir die braune Stelle und dabei neigte Olivia den Kopf zu mir, ich atmete ganz flach, fast konnte ich ihre Stirn berühren. »Wie ist Napoleon gestorben?«.

»Er wurde ermordet. Er war unser Hausschwein. Also Robertos Hausschwein. Roberto hat letztens auf dem Samstagsmarkt ein paar kleine Jungs beim Klauen erwischt und ist damit zu deinem Vater gegangen.«.

Olivia nickte. »Wir werden uns rächen«, sagte ich und wusste nicht zu wem. Wieder nickte sie. Dann drangen Stimmen durch das Grün, zwischen den Blättern blitzten die Glatzen hindurch. »Ich muss«. Olivia sprang auf. Als sie die Äste zur Seite bog, blieb sie mit ihrem Kleid an einer Dorne hängen. Sie drehte sich noch einmal um: »Wie heißt du?«. »Federico«. Als ich später zur Bibliothek ging, riss ich den roten Fetzen an der Dorne ab und steckte ihn in die Hosentasche.

 

Ich fand Jonathan und Maria bei den Ledersesseln, Maria hatte den Kopf in den Nacken gelegt und kaute mit offenem Mund blauen Kaugummi. Das Leder schmatzte, als ich mich in einen Sessel fallen ließ und so saßen wir drei, als Nino und Guiseppe zu uns stießen. Nino stützte sich auf meine Lehne und guckte in die Runde, sein Hemd war falsch geknöpft. »Amici«, sagte er feierlich und legte mir von hinten die langen Finger auf die Schultern. »Wir treffen uns heute Nacht auf dem Dach.« 

Jonathan sah aus dem schmutzigen Fenster, ich hörte Maria kauen und betrachtete den Staub in den Rillen der Fußbodenfliesen. 

»Wir tätowieren uns.«, sagte Nino nach einer Pause, zog die Augenbrauen hoch und setzte ein Gesicht auf, das er sich aus seinen Mafiafilmen abgeguckt hatte. Er drehte sich auf einem Fuß und ging. Guiseppe folgte ihm. »Ha«, lachte Maria auf und schwang sich aus dem Sessel, schnitt eine Gruppe von Mädchen, die zur Seite wichen wie aufgeschreckte Hennen. Wir kamen zu spät zum Essen, die Türen waren schon geschlossen. Kramer wartete davor. »Lasst mich machen«, sagte Maria und ging voraus und ich sah, wie sie die Schultern straffte. Mit Widerwillen ließ Kramer uns eintreten in das Reich der Plastikteller, seine Wände waren mit den Spritzern grüner Erbsensuppe geschmückt. Kramers Mund stand immer einen Spalt offen, er hatte einen schwarzen Schneidezahn, ich roch seinen Atem als ich an ihm vorbeiging. Das vorgeschnittene Brot kam aus der Kühltruhe, seine Ränder waren noch weiß vom Frost. Wir aßen schweigend.

 

In unseren Betten lagen wir auf dem Rücken, hatten die Deckenlampe gelöscht, das Nachtlicht auf dem Gang schien unter unserer Tür hindurch. Ich hörte, wie Jonathan sich aufsetzte, die Schrauben in seinem metallenen Bettgestell quietschten. Er pfiff durch die Zähne und flüsterte »Komm.« Ich knipste mein Licht an.

»Mann, mach’s aus.«. Im Halbdunkel stieg ich in meine Jeans, die Schnalle meines Gürtels klapperte. Die Dielen unter unseren Füßen knarzten, obwohl wir keine Schuhe trugen. Wir warteten vor der kleinen Tür zur Dachterrasse, wir waren die ersten. Maria kam als letztes, das Mädchen aus ihrem Zimmer hatte nicht aufgehört zu reden, dabei hatte Maria immer nur genickt und sich von ihr weggedreht. Wir setzten uns in unsere Ecke der Dachterrasse in den Schneidersitz. Wir hatten uns dort eine Mauer aus Kakteen gebaut. In ihren Töpfen hielten wir Kerzen, Streichhölzer, ein Taschenmesser, eine kleine Flasche Goldwasser, das Ninos Mutter von einer Reise nach Danzig geschickt hatte und meine Mundharmonika versteckt. Ich zündete eine Kerze in unserer Mitte an. Nino legte die Hände auf die Knie und beugte sich vor: »Also, es geht hier um Mord an einem armen Schwein. Ich kenne die kleinen Pisser. Sie sind zwei Stufen unter uns. Bevor wir uns überlegen, was wir mit ihnen anstellen, werden wir Napoleon gedenken. Sein Tod geht uns unter die Haut, stimmt’s?«.

Wir nickten uns alle zu. »Bei mir in Bologna, habe ich bei meiner Schwester im Schrank Nadel und Tinte gefunden. Ihr Freund und sie haben sich Herzchen auf die Hüfte tätowiert. Jetzt gehört das mir. Ich habe es schon mal an meinem Fuß ausprobiert.«. Er hielt seinen Fuß ins Kerzenlicht. Auf seinem Außenriss stand in Kleinbuchstaben »piede«. Fuß. Wir lachten und klopften Nino auf die Schulter.

»Legende«, sagte Jonathan grinsend.

Nino zwinkerte Jonathan zu, legte seinen Fuß zurück in den Schneidersitz und fuhr fort: »Also, ich dachte vielleicht an NAPOLEON auf dem linken Oberarm.«. Er rollte den  Ärmel seines Hemds hoch und legte zwei Finger um seinen Arm. »Wie ein Armreif«. »Wie wäre es mit NAPO?«, fragte Guiseppe. »Find’ ich besser.«.

»Ja, das zieht.«, ich nickte Guiseppe zu.

»Ich hätt’s gern in den Nacken. Und ich will als erste!«, sagte Maria. »Jeder der hinter mir läuft kriegt Angst!« Sie setzte sich mit dem Rücken zu uns und hielt uns ihren Hals hin. »Seht ihr?«. Wir rutschten zur Seite für Nino, er zog eine Taschenlampe aus dem Gürtel und klemmte sie sich zwischen die Zähne. In ihrem Lichtkegel glänzten Marias dunkle Haare. Im Haaransatz wandten sie sich, endeten in der Mitte in einem kleinen Schwänzchen. Mit einem dicken schwarzen Stift schrieb Nino NAPO unter das Schwänzchen. Ich hielt das Tintenfass, Nino tauchte die Nadel ein, er war Linkshänder. Es dauerte lange, er stach Punkt für Punkt. »Ich muss erst mal wieder reinkommen.«. Dann gab ich meinen Unterarm her und tippte neben das Muttermal unter meiner Armbeuge. Ich blutete viel, immer wieder wischte Nino mit einem Tuch über die Buchstaben, einmal rutschte ihm die Taschenlampe aus dem zähnernen Griff. Guiseppe wollte sein Tattoo auf den Beckenknochen, sein Bauch war hell als er das Tshirt hob, nur seine Arme waren von der Sonne gebräunt. Als Nino den letzten Buchstaben gestochen hatte, trat er zurück, er sagte »so«, rieb sich die Hände. Mit der Taschenlampe leuchtete er auf Guiseppes Becken. Das P sah aus wie ein D. Guiseppe war das egal, er grinste schief. Jonathan fluchte viel, er lag auf dem Rücken, Nino tätowierte seinen Unterbauch. Mit der Schere des Taschenmessers schnitt Maria ihm davor die schwarzen Haare, die in einer Linie von seinem Bauchnabel hinunter wuchsen. Guiseppe, Maria und ich saßen in einem Kreis um Jonathan, er lag still wie ein Verletzter in einer Operation, die Beine von sich gestreckt und blickte in einen bewölkten Nachthimmel. Wir nickten ihm immer wieder zu, das war besser als Hände halten. Niemand wollte zugeben, dass es wehgetan hat. Und als letztes tätowierte Maria Nino, »ich mach den Armreif« und er saß nicht so still, sondern quatschte und riss Witze, damit wir wussten, dass er den Schmerz schon kannte, »das ist keine große Sache«.

 

Später reichten wir eine Zigarette im Kreis herum und dann noch eine.

»Napoleon auf ewig.«, sagte ich. »Auf ewig.«, antworteten die anderen und es war unsere Parole. In einer Reihe stiegen wir die Treppe zu den Gängen hinab, wir kannten die leisen Bretter und trennten uns ohne Abschied. In unserem Zimmer legten Jonathan und ich uns angezogen auf das Laken, mit einer Fingerspitze berührte ich meine Armbeuge. Ich schlief unruhig, im Morgengrauen wurde ich wach und sah, dass Jonathan sein Unterhemd ausgezogen hatte. Er schlief mit über dem Bauchnabel gefalteten Händen. Als wir aufstanden, schnitten wir sein liebstes Shirt so, dass jeder sein Tattoo sehen konnte und die schwarzen Haare auf seinem Bauch. Er wollte es immer an den Wochenenden tragen, wenn wir mit dem ersten Zug in die Großstadt fahren durften.