Der Zug in die Großstadt kam nie pünktlich. Trotzdem standen wir immer zur richtigen Zeit unter dem Holzdach des Bahnsteigs und sahen den Tauben beim Picken zu. Jonathan war vor mir aufgewacht, er hatte sein abgeschnittenes Shirt angezogen und sich in dem gesprungenen Handspiegel betrachtet, den er seiner Tante geklaut hat. Wir hatten nicht sauber geschnitten, die Schere öffnete ihr Maul nur widerwillig, sie war von Rost befallen. Jetzt standen wir auf dem Bahnsteig und ich sah, dass Jonathan in seinem dünnen Fetzen fror, er zog die Schultern hoch.

Nicht viele fuhren mit dem gelben, dreckigen Zug in die Großstadt. Nur ein paar Mädchen aus den höheren Stufen standen unter der Anzeigetafel mit der Uhr, deren Zeiger hing. Sie trugen enge Strumpfhosen, die Haare ließen sie ungekämmt, eine hatte sich eine dicke Kette umgelegt und ich musste an das Hundegeschirr denken, das Roberto einmal für Napoleon besorgt hatte, es sich dann aber doch für ein Selbstporträt um den Hals hing. Gestern Abend saß Olivia in der Ecke mit den Ledersesseln, auf das Sofa neben ihr quetschten sich jüngere Mädchen, Hühner auf einer Stange, Olivia hörte ihnen nicht zu. Ich setzte mich zu ihr und sie zog die Beine an. Sie trug halbe Söckchen und ich konnte sehen, wie trocken ihre Knöchel waren. 

»Wir fahren morgen in die Stadt«, sagte ich und lehnte mich im Sessel zurück. 

»Komm doch mit«. Und weil Olivia sagte »klar«, stand ich auf und ging auf mein Zimmer, mich umzudrehen um zu sehen, ob Olivia sitzengeblieben war, traute ich mich nicht. Wie immer hatten wir uns nach dem Frühstück vor der großen Tür verabredet. Als wir den Essenssaal verließen, sagte ich zu Jonathan: »Ich seh’ dich dann da« und war die Treppen zu Olivias Zimmer hochgestiegen, hatte zweimal kräftig an die Tür geklopft. Ich wartete an den Türrahmen gelehnt, die Fäuste in den hinteren Hosentaschen und als Olivia die Tür öffnete und sagte »hey«, konnte ich an ihr vorbei ins Zimmer sehen. Sie hatte ein Einzelzimmer, Kleidung lag über den Boden zerstreut, es roch nach Deodorant, das Fenster stand weit offen. Auf ihrem Bett lag zusammen gerollt eine weiße Katze, »das ist Syrah mit Y und H«, sagte Olivia. Ihre Jeans saß auf der Hüfte, auf ihr weißes Hemd war ein Tigerkopf gedruckt. In der Aula stießen wir zu den anderen, sie standen in einem Kreis. Als sie uns kommen sahen, unterbrachen sie ihr Gespräch. Wir stellten uns dazu und alle schwiegen. »Olivia. Und du bist?«, sie hielt Nino die Hand hin. Er trug seine Lederjacke und der Ärmel schmatzte, als er ihre Hand ergriff. Wir marschierten los und Maria und Olivia gingen vorne nebeneinander her. Sie sprachen nicht, aber einmal ging Olivias Schnürsenkel auf und Maria zeigte darauf und sagte »Vorsicht«.

Der Zug war fast leer, wir streckten die Beine über die harten Polstersitze. Olivia saß mir gegenüber und ich sah abwechselnd zu ihr und aus dem Fenster, in das jemand mit einem Schlüssel Botschaften gekratzt hatte. Vor der Stadt säumten kleine Obstgärten die Bahngleise, ein alter Mann hielt sich eine Ziege auf seinem sandigen, eingezäunten Fleckchen. Er sah dem Zug nach, ein Träger seines rosa Unterhemds war weit über die Brust gerutscht. Der Bahnhof der Stadt muss einmal schön gewesen sein, seine gusseisernen Säulen endeten in Schnörkeln und Blumen. Wir durchquerten die Bahnhofshalle, es roch nach gerösteten Zwiebeln, die Abgase der Kreuzung vor den Bahnhofstoren sammelten sich unter dem gläsernen Dach.

»Und jetzt?«, fragte Olivia mich, als wir an der Kreuzung warteten und Nino, der mit einer Schulter neben uns am Laternenpfosten lehnte, beugte sich zu ihr hinunter, raunte »Wart’s ab, mi amor!« und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Olivia drehte sich zu mir und lachte und dabei wurden ihre Augen zwei kleine Sicheln. Die Gassen der Stadt waren eng wie in Großvaters Dorf, doch auf den Pflastersteinen lagen kaputte Glasflaschen, in den Ritzen der Kanaldeckel hingen Vogelfedern und Zigarettenstummel. In den Fenstern eines Geschäfts stapelten sich alte Metalldosen, Stoffbeutel mit Kräutern und hölzernes Kinderspielzeug, sie waren mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Die Tür stand einen Spalt offen, helles Neonlicht schien aus einer Röhre über der Theke auf die Straße. Nino war schon um die Ecke gebogen, ich beschleunigte meine Schritte und hätte Olivia am liebsten am Arm gegriffen und aus dieser Gasse gezerrt. Ich wusste, dass in der steinernen Wand um die Ecke ein blaugläsernes Mosaik eingelassen war, ich wollte es ihr zeigen, aber vor dem Mosaik lag ein Junge. Er war nicht viel älter als wir und schlief auf einer Pappe, seine Hose war über den Knien abgerissen und gab den Blick auf seine zerkratzten Schienbeine frei, seine Zehennägel waren schwarz. Er roch nach Urin und jetzt hakte sich Olivia bei mir unter, die anderen warteten unter dem Schild der Straße in der Silvas Café lag. Immer wenn wir in die Großstadt fuhren, hingen wir den ganzen Tag in Silvas Café herum, er hatte immer etwas zu erzählen und auch wenn viel los war, stellte er sich zu uns unter den roten Sonnenschirm und stemmte die Hände in die Hüften. Er brachte nachtschwarzen Kaffee auf einem Plastiktablett. Silva hatte ein Gesicht wie eine Fledermaus. Wenn er lachte, zeigte er graues Zahnfleisch. Er trug die Reste seiner langen Haare über den kahlen Kopf gekämmt, sein Rasierwasser roch nach einem ganzen Olivenhain und seine dreckigen Füße steckten barfuss in Slippern. Silva hatte einen Buckel, wenn er sich zu uns setzte trank er Grappa. Ihm gehörte das Café, wir hatten es entdeckt als wir das erste Mal in die Großstadt fuhren und uns in den Gassen verliefen. Wir waren durch den Plastikvorhang in das Café getreten, ein paar Männer an der Theke, die auf einen der Fernseher starrten drehten sich zu uns um. Silva war aus einer Hintertür eingetreten, hatte mit einer Hand auf die Tische gedeutet, sie waren alle frei. Also hatten wir uns gesetzt und Limonade aus der Kühltruhe bestellt. Silva hatte sich zu uns gesetzt, Zigaretten geraucht und erzählt. Silva war schwul und oft kamen junge Männer mit abgekauten Nägeln und gegelten Stachelfrisuren in sein Café, er schenkte ihnen Rubbellose. Heute setzten wir uns draußen unter den Sonnenschirm an den großen Metalltisch. Als Silva kam, küsste er Maria auf die Stirn und schüttelte Olivia mit zwei Händen die Hand. Ich bestellte ihr eine Minzlimonade und sie saß gerade auf ihrem Stuhl und beobachtete die Gäste. An dem Stehtisch neben dem Eingang tranken zwei alte Männer Bier, dem linken fehlten alle Zähne, der andere war mit seinem Hund gekommen, die Leine hatte er an seinen Gürtel gebunden. Der Hund hatte Flöhe und verbiss sich in seinen Schwanz. Sie sahen sich durch das Fenster Fußball im Fernsehen an und schlossen halbherzig Wetten ab.

Neben unserem Metalltisch stand die Menütafel, auf der in unscharfen Fotografien die Speisen gezeigt wurden. Blumentöpfe mit Bambus trennten das Café vom Rest der Straße, an der Wand lief ein gelber Gecko. Silva nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu uns, er lobte Jonathan für sein abgeschnittenes Hemd, überschlug die Beine und sah Nino und Maria beim Kartenspielen zu. Jonathan sagte: »Silva, erzähl mal was!« und Silva löste die Beine und erzählte wieder von seiner ersten und einzigen Liebe. Silvas Vater arbeitete im Süden in einer Hafenkneipe, Silva wusch Gläser und trocknete sie. Samstags kamen die Matrosen und er verliebte sich in einen Burschen mit strengem Seitenscheitel, der aufrecht zwischen seinen Kollegen saß, die den Kopf auf die Arme stützten und mit glasigen Augen auf die Tischplatte starrten. Der junge Mann aber saß still und nickte Silva manchmal zu, damit er ihm nachschenkte. »Einmal hat er mir zugelächelt und etwas gesagt, aber ich habe seine Sprache nicht verstanden, also habe ich nur zurück gelächelt. Ich habe ihn nicht wiedergesehen.« Dann sagte Silva noch: »Wenn ihr jemanden gern habt, dann ist das wie auf die Zunge beißen. Der ganze Mund ist voller Blut.« Er stand auf und schob den Plastikvorhang beiseite. Ich dachte über seine Worte nach, Silvas Geschichten waren  große Salzkörner, an denen wir uns die Zähne zerbissen. 

Nino saß mit dem Gesicht zur Straße, deswegen sah er sie als erstes. Er zischte: »Das sind die Pisser!« und stieß seinen Metallstuhl zurück, er kratzte über den Boden. »Wer?« »Die, die Napoleon aufgeschlitzt haben!«. 

Wir alle hatten die Stühle zurück geschoben, ich zurrte meinen Gürtel fest, Maria steckte den Kopf ins Café und rief: »Wir müssen los«. Wir klemmten einen Schein unter den Aschenbecher und drängten uns zwischen alten Männern mit stolzen Bäuchen und braun gefärbten Haarhelmen hindurch. Ich drehte mich nach Olivia um, sie nickte mir entschlossen zu und mit dem Tiger auf der Brust lief sie hinter mir her. Die Pisser, das waren drei kleine Jungs, sie trugen Fußballtrikots, ihre rasierten Schädel saßen auf dünnen Hälsen, ihre Beinchen waren unbeharrt. Jonathan und Nino packten die zwei kleinen an den Schultern, Jonathan sagte »Mitkommen« und wir schoben sie vor uns her in eine enge Seitengasse mit hohen Häusern, aus deren Fenstern nasse Wäsche hing. Neben den Haustüren sammelten sich Abwasserpfützen, die meisten Fensterläden waren geschlossen. Wir drängten die drei Jungen an eine Hauswand, sie verschränkten ihre Hände hinter dem Rücken und wir stellten uns in einem Kreis um sie herum. Der größte von ihnen reckte das Kinn vor, sagte »Was soll der Scheiß?«, und seine Stimme zitterte, obwohl er sich auf die Zähne biss. Er hatte ein kindliches rundes Gesicht und seine Augen zuckten als er Nino ins Gesicht sah und versuchte seinem Blick stand zu halten. Es war Guiseppe, der aus unserem Kreis trat und sich nah vor dem Großen hinstellte. Wir zogen den Kreis enger und Guiseppe beugte sein Gesicht zu dem Jungen runter, bis er fast seine Nasenspitze berührte. »Mörder«, zischte Guiseppe und Jonathan und ich stellten uns so vor die anderen beiden, dass sie nicht abhauen konnten. Guiseppe zog die Nase hoch und spuckte dem Großen mitten auf die Stirn. Wir lösten den Kreis und ließen die Pisser laufen, ich schubste einen der Kleinen und sie rannten ohne sich umzudrehen aus der Gasse. Wir sprachen kein Wort, sahen die Gasse hoch, noch immer waren die meisten Fensterläden geschlossen. Als ich an einer Hauswand hochsah, glaubte ich ein Gesicht im Fenster zu sehen, das sich in ein dunkles Zimmer zurückzog, wie eine Schildkröte in ihren Panzer. Wir traten aus der Seitengasse auf die Straße hinaus, ich begegnete Olivias Blick und plötzlich kam ich mir erbärmlich vor. Jonathan starrte vor uns auf den Boden, sein Fetzen flatterte in der heißen Luft, die aus dem Fenster ein Restaurantküche neben uns blies, Nino hatte die Fäuste in den Taschen seiner Lederjacke vergraben, Guiseppe rauchte eine Zigarette und stieß den Rauch durch die Nase aus. Maria fuhr sich ununterbrochen mit der flachen Hand über den Mund und sagte irgendwann heiser:»Wir fahren zurück.«

Auf dem Weg zum Bahnhof gingen Olivia und ich schweigend nebeneinander her und als wir im Zug saßen fragte ich sie: »Du sagst doch deinem Vater nichts oder?«. Sie schüttelte den Kopf, riss Haut von ihrem Nagelbett am Zeigefinger und lehnte den Kopf an die Fensterscheibe. Der Zug ruckelte, doch sie lehnte mit der Stirn weiter an der Scheibe. 

 

Wir trennten uns in der Eingangshalle, Nino und Guiseppe gingen auf ihr Zimmer und Maria hob nur die Hand und verschwand in der Mädchentoilette. Jonathan stieg die Treppe zu unserem Zimmer hoch und ich begleitete Olivia auf ihren Gang und blieb vor ihrer Tür stehen. Ich steckte die Hände in die Hosentaschen und sagte »tut mir leid«. Sie zuckte mit den Schultern und murmelte »schon oke.« und stand schon im Türrahmen. Sie stellte einen Fuß in die Tür, ihre weiße Katze Syrah wollte entwischen, ich sagte: »also bis dann?« und sie nickte, »bis dann«, schloss die Tür und ich blieb noch eine Weile davor stehen. 

Auf mein Zimmer wollte ich nicht gehen, ich stellte mir vor wie Jonathan auf dem Bett lag und an die Decke starrte und Stunden lang kein Wort sagen würde, also stieg ich die Kellertreppe zur Bibliothek hinab. Ich war alleine, ich hatte keine Lust ein Buch zu klauen, ich wollte mich nur in eine Ecke setzen und auf die Regale gucken, die bis unter die Decke gefüllt waren. Doch am Ende des Gangs mit den Büchern über Pflanzen saß jemand mit dem Rücken an die Buchrücken gelehnt und drehte den Kopf zu mir, als ich stehen blieb. »Ich dachte hier kommt nie jemand hin«, sagte Maria. Ich setzte mich neben sie auf den Teppichboden und streckte die Beine aus. Nach einer Weile sah ich ihr ins Gesicht, doch sie drehte den Kopf von mir weg und zeigte mir den tättowierten Nacken.

»Weinst du?«. »Das sind Krokodilstränen«, antwortete Maria leise. 

»Diese Jungs haben das verdient«, versuchte ich sie zu trösten. »Doch nicht deswegen!«, Maria schüttelte den Kopf und dann schwiegen wir wieder, ich hörte sie atmen. »Ich habe meiner Mutter vor ein paar Wochen geschrieben.« Ich sagte nichts. »Sie antworten mir nie auf meine Briefe. Wenn ich zuhause anrufe, geht niemand ran. Oder meine Schwester geht ran und die sagt dann, sie sind gerade beim Essen und sie rufen dann zurück.«. »Und rufen sie zurück?«.

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie sie wieder den Kopf schüttelte. Maria lehnte den Kopf an meine Schulter, sie weinte nicht mehr und so saßen wir und sagten nichts, bis wir hörten, dass jemand in die Bibliothek kam. Maria sprang auf und wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht und verschwand zwischen den Regalen wie ein schwarzer Panther, geräuschlos. Beim Abendessen riss sie Witze mit Nino, hielt sich den Bauch beim Lachen und wich meinen Blicken aus. Olivia saß am Tisch mit dem Direktor, zwischen ihrem Vater und einer Lehrerin, sie hob den Teller an die Lippen und trank ihre Suppe aus. Als ich sie über die Köpfe der anderen hinweg ansah, strich sie sich die Haare aus der Stirn und wieder dachte ich an Silva. Ein Mund voller Blut.