Olivia läuft vor mir durch die Wiese. Die trockenen Gräser reichen ihr bis zur Hüfte. Sie dreht sich um und grinst. Ihre olivbraunen Beine sind zerkratzt. 

»Hier«, ruft sie und lässt sich fallen. Die Gräser wiegen sich im Wind. Sie haben mir Olivia geklaut. Ich lasse mich neben sie fallen. Heute Morgen im Gang hat sie mich auf die Schulter getippt. Nichts hatte ich sagen können. Sie ist vor mir durch das Treppenhaus. Jungen Mädchen Stimmen kommen uns hinterher, kommen uns entgegen. Durch das hohe Fenster im Treppenhaus fällt Sonne auf die Staubkörner in der Luft. Wir gehen nicht auf den Hof. Olivia geht durch eine Tür, eine kleine, die ich nicht kenne. Draußen lehnt unter dem minzgrünen Fensterladen die meerblaue Schwalbe des Direktors. Ich spiegele mich in dem silbernen Schriftzug unter dem Lenker. Ich gehe um die Schwalbe herum, betrachte sie von allen Seiten.

»Sie ist wunderschön«, sage ich und unter meinen Füßen knirscht Kies als ich über den ledernen Sitz streiche.

»Ja, nicht? Aber weißt du was noch schöner wäre? Wenn du jetzt endlich aufsteigen würdest.«, sagt Olivia und schwingt sich auf das Mofa. Ihr weißes Hemd ist zu groß und sie trägt die Ärmel gekrempelt. Ich betrachte die einzelnen dunklen Sommersprossen auf ihren Unterarmen. Sie startet den Motor. 

»Schnell, bevor mein Vater kommt.« Ich sitze auf. Der Ledersitz ist heiß, obwohl die meerblaue Schwalbe im Schatten stand. Ich fahre über eine Wiese. Das Internat haben wir im Rücken. Dann fahren wir auf Asphalt. Ich schreie den Felsen am Rand der Straße entgegen. Ich fahre schnell. Der Wind trocknet den Schweiß in meinem Nacken. Olivia streckt die Beine aus. Sie ist barfuss, hält die Füße knapp über dem grauen Teer. Ihre Haarsträhnen schlagen im Fahrtwind gegen meine Schulter.

Irgendwann bin ich abgebogen auf eine Wiese. Olivia ist von der meerblauen Schwalbe gesprungen und durch die Gräser gerannt, die Arme zum grauen Himmel. Sie hebt die Beine an und die Gräser gehen ihr zu den Hüften. Jetzt liegen wir nebeneinander in eben diesen Gräsern und ich höre den Wind und höre Olivia atmen.

Ich schnipse einen Käfer von meinem Arm. Er hat in Regenbogenfarben aber vor allem in Grün geschimmert. Olivia dreht den Kopf zu mir. Wir sehen uns an. Ich weiß nicht in welches Auge ich sehen soll. Ich stelle mir vor, dass ich schiele. Konzentriere mich auf ihr rechtes hellgrünes Auge. Sehe die gelben Sprenkel um die Iris. Sehe den dunkelgrünen Rand. 

»Was?«, frage ich. Ihre Mundwinkel zucken. Sie hat blonde Härchen über der Lippe.

»Sag mal, Federico, hast du mich gern?«.

»Klar.«

Olivia lächelt. Olivias Lächeln ist ehrlich. Manche Mädchen haben mehr als ein Lächeln. Für die Kamera, für die Jungen. Olivias Lächeln ist echt und ehrlich. Olivias Lächeln ist für mich.

»Willst du mit mir gehen?«, fragt Olivia und sieht in den grauen Himmel.

Ich küsse sie. Wir küssen uns. Olivia schmeckt nach Wald, ein bisschen nach frischem Regen und ein bisschen auch nach ihrem pinken Kaugummi, den sie vor der meerblauen Schwalbe auf den grauen Asphalt gespuckt hat. Sie hat eine Blase gemacht und der Fahrtwind hat sie zerplatzt. Die Kaugummifäden waren dann überall. Auch in ihren Haaren. Ihre Haare habe ich jetzt in meinen Händen. Ich bilde mir ein, dass sie nach Zitrone riechen. Und Pfefferminz. Olivia knöpft ihr Hemd auf. Ich berühre die Kuhle zwischen ihren Schlüsselbeinen. Ich liege auf Olivias Bauch und streiche über die blonden Haare. Eine Straße von der Brust über den Bauchnabel. Olivia hat einen hübschen kleinen Bauchnabel. Er bewegt sich auf und ab. Olivia hält die Augen geschlossen. Olivia atmet schnell. Olivia ist mein Zitronenmädchen. 

 

Es wird dunkel und wir wollen bleiben. Olivia hat in ihrem weißen Hemd auf meinem Bauch geschlafen. Ich habe ihr beim schlafen zugesehen. Wir sind am ehrlichsten, wenn wir schlafen. Die Erde wird kalt. Olivia hat Gänsehaut auf den Oberschenkeln und ich nehme sie bei der Hand. Das Mofa liegt meerblau in den Gräsern. Die Schwalbe hinterlässt einen Abdruck wie ein Tier in unserer Wiese.

Auf der Fahrt malt Olivia mit dem Zeigefinger Wörter auf meinen Rücken. Ich errate keines davon. Vor dem Internat steigen wir ab und schieben. Das minzgrüne Fenster steht offen. Der Direktor hört Radio. Er summt. Das Klappern von Geschirr. Wir drücken uns an der Hauswand unter dem Fenster entlang. Olivia lehnt sich an die dunkelrote Haustür des Direktors und ich küsse ihre Augenlider, lege eine Hand auf ihren wunderschönen Hintern und gehe.

 

Jonathan sitzt auf seinem Metallbett und schraubt an seinem kleinen Radio.

Ich sage: »Ich gehe zum Waschsaal. Soll ich was von dir mitnehmen?« Jonathan nickt mit dem Kopf Richtung Stuhl.

Das Licht im Waschsaal ist kühl und die Fliesen sind weiß. Als ich die Kleidung in die Maschine lege, fällt ein Zettel aus Jonathans Hosentasche.

»Fickst du mich zu Paolo Conte? – MT«

Ich lege den Zettel auf die Kleidung und bleibe eine Weile vor den Waschmaschinen stehen. Sehe ihnen beim Drehen zu und sehe wie der Zettel irgendwo zu Schaum wird und höre die Trommeln und sehe nur noch weißen Schaum. Irgendwo über mir flackert ein Licht.