Olivia lief vor mir durch die Wiese, bei jedem Schritt hob sie die Beine an wie Pelikan im weißen Knitterhemd. Die trockenen Gräser reichten ihr bis zur Hüfte. Sie drehte sich zu mir um und winkte. »Hier«, rief sie und ließ sich fallen. Die Gräser bogen sich im Wind, sie sahen aus wie das lange Fell eines Tieres. Ich ließ mich neben sie fallen. Der Ausflug in die Großstadt war eine Woche her. Ich wollte Olivia in den Gängen über den Weg laufen, nahm Umwege an ihrem Klassenzimmer vorbei nur um einen Blick durch das Fenster in der Tür zu werfen. Sie saß immer mit dem Rücken zu mir und beim Essen stand sie früh auf, nie räumten wir zur selben Zeit das Geschirr auf den metallischen Geschirrwagen. Als ich einmal unter meinem hässlichen Baum saß, streunte Syrah durch den Garten. Ihr weißer Schwanz war aufgestellt. Ich hoffte Olivia würde ihr nachkommen, doch die Katze huschte durch einen dunkelgrünen Busch davon, als sie mich sah. Heute Morgen blickte ich beim Frühstück nicht zu Olivia herüber, betrachtete mein verkehrtes Spiegelbild im Löffel und verbrannte mir die Zunge an dem schwarzen Tee. Ich trank ihn nicht aus, räumte mein Geschirr ab und ließ die anderen sitzen. Als ich die Tür zu meinem Zimmer öffnete, wirbelte die Zugluft einen Zettel auf. »Triff mich nach dem Frühstück unter dem Fenster von meinem Vater. O.« 

Ich faltete den Zettel und steckte ihn in die Hosentasche. Auf der Treppe nahm ich zwei Stufen auf einmal, durch das hohe Fenster fiel Sonne auf die Staubkörner in der Luft. Ich trat auf den leeren Hof, Kies knirschte unter meinen Füßen als ich um die Ecke bog. Unter dem Fenster des Direktors lehnte die meerblaue Schwalbe an der Hauswand und an der Schwalbe lehnte Olivia. Ich betrachtete die Schwalbe von allen Seiten, strich über den ledernen Sitz und als ich mich vorbeugte spiegelte ich mich im silbernen Schriftzug. »Hübsch«, sagte ich und gab dem Mofa einen Klaps wie einem Pferd. »Und kannst du auch fahren?«, fragte Olivia und schwang sich auf den Sitz, krempelte die Ärmel bis über die Ellebogen und startete den Motor. Ich warf einen Blick zum Fenster über uns, es war angelehnt, dann saß ich auf. Der Ledersitz war heiß, obwohl die Schwalbe im Schatten stand.

Langsam rollte ich über den Hof, stützte uns noch mit den Füßen und der Kies knirschte unter den Rädern. Wir nahmen einen Feldweg, im Rückspiegel wurde das Internat immer kleiner und bald bog ich auf eine asphaltierte Straße. Ich drehte mich zu Olivia um, fragte »Wohin?« und sie schüttelte nur den Kopf, also gab ich Gas und fuhr in der Mitte der Straße, die sich einen kleinen Berg hoch schraubte. Durch das Knattern des Motors schrie ich den Felsen am Rand der Straße entgegen. Der Wind trocknete den Schweiß in meinem Nacken. Olivia streckte die Beine aus, in einer Hand hielt sie ihre Stoffschuhe, die andere legte sie an meine Hüfte. Ihre nackten Füße streiften beinahe den Teer. Der Fahrwind löste Strähnen aus ihrem Zopf und sie schlugen mir gegen die Schulter.

Irgendwann bog ich ab auf eine Wiese am Straßenrand, im Leerlauf rollten wir ein bisschen über die Gräser. Dann sprang Olivia von der Schwalbe ab, dabei stützte sie sich auf meine Schultern. Mit großen Schritten marschierte sie durch das Gras, es ging ihr bis zur Hüfte. Dann ließ sie sich fallen und ich legte mich zu ihr und wir hörten den Wind in den Blättern der Eichen und Pinien, aber wir konnten sie nicht sehen. Halme stachen uns in den Rücken, immer wieder kratzte Olivia sich an den Armen, an den Beinen, den Knöcheln. Ich schnipste einen grün schillernden Käfer von meinem Handrücken, er trug ein stolzes Geweih. Wir drehten uns die Gesichter zu und sahen uns an. Ich wusste nicht, in welches ihrer Augen ich blicken sollte. Olivias Iris war dunkel umrandet, aus dem grün stachen kleine gelbe Sprenkel. 

Ihre Mundwinkel zuckten. Sie hatte blonde Härchen über der Lippe.

»Federico, hast du mich gern?«.

»Ja.«

Sie lächelte und ihre Stirn zog eine Falte. Olivias Lächeln war ehrlich. Manche Mädchen hatten mehr als ein Lächeln. Für die Kamera. Für die Jungen. Olivias Lächeln war für mich. Also beugte ich mich zu ihr und küsste sie auf den Mund und sie schmeckte noch nach dem Kaugummi, den sie von der Schwalbe auf den Asphalt gespuckt hatte. Sie hatte eine Blase gemacht, der Fahrtwind zerplatzte sie und ein Faden blieb ihr im Mundwinkel hängen. Im Rückspiegel hatte ich beobachtet, wie sie den Faden mit zwei Fingern von der Lippe zupfte.

Ich nahm Olivias Haare in die Hand, sie sahen aus wie die Gräser zwischen denen wir lagen, Kopf an Kopf. Sie legte ein Bein zwischen meine Beine und ließ es einfach dort liegen, schloss die Augen. Ich sah ihr dabei zu, sah dass sie ganz ruhig atmete, sah wie sich dabei ihre Nasenflügel hoben und senkten und auch, wie ihre Halsschlagader pulsierte.

 

Irgendwann wurde die Erde unter uns kalt, die Haare auf Olivias Oberschenkeln stellten sich auf und ich stand auf, streckte mich und hielt ihr eine Hand hin. So liefen wir zu der Schwalbe, die wie ein schlafendes Tier in der Wiese lag und einen Abdruck hinterließ, als ich sie aufhob und zur Straße schob. 

Auf der Fahrt malte Olivia mit dem Zeigefinger Worte auf meinen Rücken. Ich erriet keines davon. Vor dem Internat auf dem Feldweg, stellte ich den Motor ab und mit den Füßen schoben wir an, bis wir unter dem Fenster des Direktors hielten. Es stand offen, der Direktor hörte Radio und summte mit. Geschirr klapperte und wir drückten uns unter dem Fenster an der Hauswand entlang. Ich brachte Olivia bis zur roten Haustür ihres Vaters, sie lehnte sich an dem Türrahmen und zum Abschied küsste ich sie auf beide Wangen, wie Großvater es manchmal bei Nonna tat.

 

In unserem Zimmer saß Jonathan auf seinem Metallbett und schraubte an seinem kleinen tragbaren Radio. Ich sagte: »Ich gehe zum Waschsaal. Soll ich was von dir mitnehmen?« Jonathan nickte zu seinem Stuhl, ohne den Kopf zu heben.

Das Licht im Waschsaal und die Fliesen waren weiß. Als ich die Kleidung in die Maschine warf, fiel ein Zettel aus Jonathans Hosentasche auf den Boden. Ich hob ich auf und las: »Fickst du mich zu Paolo Conte? – M«

Ich legte den Zettel auf die Kleidung, schloss die runde Tür der Waschmaschine, schaltete sie ein und blieb eine Weile vor ihr stehen. Ich sah in das Fenster der Maschine wie in einen Rachen und wartete bis sich Schaum bildete. Sah zu wie sich alles zu drehen begann, stellte mir vor wie die Trommeln den Zettel zu Fetzen rissen. 

Irgendwo über mir flackerte ein Licht, es surrte.