In unseren blauen Anzügen sitzen Jonathan und ich im Essenssaal und warten auf den Kramer. Wir haben uns gerächt. Für Napoleon.

Wir sind bei den kleinen Pissern eingebrochen. Sie hängen im alten Schuppen hinter dem Sportplatz rum. Den Schuppen benutzt niemand. Er verstaubt und stinkt. Die kleinen Pisser hängen dort also rum und stellen Dinge an, trinken geklautes Bier und verstecken ihr Alter hinter dreckigen Wörtern. 

Das mit dem Feuer war Marias Idee. Die kleinen Pisser waren im Unterricht, brave Kinder. Ich habe mit einem Stein das Fenster des Schuppens eingeworfen, bin eingestiegen und habe den anderen aufgemacht.

Wir haben viel kaputt gemacht. Wir haben mit leeren Bierflaschen auf alles Mögliche eingeschlagen. Haben Regale umgeworfen. Hinter einem der Regale habe ich ein bisschen Geld gefunden, ich habe es mir in den Bund meiner Unterhose gesteckt. Mit Farbe hat Jonathan an eine der dreckigen Wände geschrieben: »Rache und Tod den Mördern.« Danach hat er sich zu mir umgedreht.

 

Wir sitzen in blau im Essenssaal, Licht fällt durch das dreckige Fenster auf unsere Schuhe und ich denke an Jonathans Augen, als er sich zu mir gedreht hat. Da war nur Hass. Das mit dem Feuer war Marias Idee. Nino hat geschrien: »He, hier versteckt sich einer von den Pissern.«.

Nino hat ihn am Kragen gepackt und aus der Kammer gezerrt, in der der Junge sich versteckt hat. Ich habe gelacht. Napoleons Mörder war vielleicht zehn Jahre alt.

Nino, der schöne Nino hat ihn geschubst. Und dann lag der Junge auf dem dreckigen dunkelroten Perserteppich. Nino hat auf ihn eingetreten. Seine Haare haben sich aus seinem perfekten Scheitel gelöst. Wir anderen standen drum rum.

Und dann hat Maria gesagt: »Wir fackeln das Drecksloch ab«.

In einer Ecke hinter einem Holzbarren, dessen Sattel einmal beige glänzend war, stand der Benzinkanister. Wir haben alle mitgemacht.

»Ey, was machen wir mit unserem kleinen Freund?«.

Unser kleiner Freund sah winzig aus, wie er mit angezogenen Beinen auf dem Teppich lag. Geblutet hat er nicht. Aber geweint.

»Wenn du und deine Pissbande einen Unschuldigen umbringen können, dann kannst du auch sehen wie du weiter kommst.«, hat Nino gesagt und ihn zurück in die Kammer geschubst. Hat einen Stuhl unter die Türklinke gestellt.

 Maria hat das Streichholz geworfen. Und dann sind wir gerannt.

»Trennt euch«, hat Guiseppe gerufen.

 

Jonathan und ich haben uns nicht getrennt. Wir haben gewartet, bis die anderen nicht mehr zu sehen waren. Dann sind wir zurück zum Schuppen gelaufen. 

Ein Teil des Dachs hat gebrannt. Der Rauch war überall. Meine Augen brannten.

Jonathan und ich sind durch den dichten Rauch unseres Feuers, die Hände vor dem Mund. Glasscherben knackten unter unseren Gummisohlen. Ich habe den Stuhl unter der Türklinke weggetreten. Der kleine Junge war nicht mehr bei Bewusstsein. Wir haben ihn zusammen getragen, Jonathan die Füße, ich die Hände.

Hinter uns ist das Dach eingestürzt. Vor meinen Augen fällt noch der Balkon, er zieht den brennenden Schweif hinter sich her und es knallt dumpf als er aufkommt. 

Wir haben den Jungen in der Wiese abgelegt. Und dann sind wir gerannt. Wir wussten nicht wohin. Also sind wir in unser Zimmer. Haben uns die Hände und das Gesicht gewaschen. Und dann lagen wir auf unseren Betten. Gesicht zur Decke.

»Er hatte es verdient, oder?«, hat Jonathan gefragt.

Ich habe getan als würde ich schlafen. Dann hat Jonathan geweint. Ich glaube, Jonathan hat geweint. Den Hass in Jonathans Augen kannte ich nicht. Ich fürchte mich vor ihm.

 

 

Der Rauch in unseren Ärmeln und den Hosentaschen hat uns verraten. Der blaue Anzug riecht nach Schweiß und Staub. Wir wissen nicht, wo die anderen sind. Ob sie gesehen wurden. Irgendjemand hat gesagt, Nino wurde festgenommen.

Der Hass in seinen Füßen, als er den Jungen getreten hat, in seinem Gesicht, wie er den Mund offen stehen hatte, wie geschwitzt hat auf der Stirn.

Ich muss an den Tag denken, an dem Großvater und ich auf einem weißen glatten Felsen über unserem Meer saßen.

Ich habe die Beine baumeln lassen und zugehört, wie das Wasser an den Stein schwappt.  

»Großvater«, habe ich gesagt »hasst du mich manchmal?«.

»Ich denke schon«.

»Gut. Ich hasse dich nämlich manchmal.«. Für sein Gesicht, für seinen Gang. Wie er beim Essen atmet. Wie leer er Nonna ansieht an manchen Tagen.

»Woran liegt das, Großvater?«

»Wenn du einen Menschen liebst, dann hasst du ihn genauso sehr. Wenn du ihn kennst, dann ist deine Liebe auch Hass. Sorg dich nicht darum.« Großvater ist dann aufgestanden und über die Düne gegangen. Ich habe mich nicht umgedreht, nur auf meine Knie auf dem weißen Stein geguckt und gewusst wie mein Großvater über die Dünen geht, die schwarze Leinenhose hängend, die Riemen seiner Ledersandalen eingerollt abgelaufen.