In unseren blauen Anzügen saßen Jonathan und ich im Essenssaal und warteten auf den Kramer. Wir hatten uns gerächt. Für Napoleon.

Wir waren bei den kleinen Pissern eingebrochen. Sie hingen immer im alten Schuppen hinter dem Sportplatz rum. Den Schuppen benutzte niemand, alte Regale, Sessel und Sprungböcke wurden dort abgeladen. Der Schuppen verstaubte und stank. Die kleinen Pisser hingen nach dem Unterricht dort breitbeinig auf den Sofas rum, schmierten Sprüche auf die Holzwände, tranken geklautes Bier und versteckten ihr Alter hinter dreckigen Wörtern. Das mit dem Feuer war Marias Idee gewesen. Die Jungs waren im Unterricht, niemand sah uns über den Hof zum Schuppen laufen. Mit einem Stein warf ich das Fenster ein, brach ein Loch heraus, stieg ein und öffnete den anderen von innen die verrostete Tür.

Wir schütteten die halbleeren Bierflaschen über dem Teppich und den Sesseln aus. Sie hatten sich ihr Lager mit Regalen eingezäunt. Wir warfen die Regale um, tranken das letzte Bier in großen Schlücken aus. Hinter einem der zerfetzten okkafarbenen Sofakissen fand ich drei Scheine, ich steckte sie in den Bund meiner Unterhose. Mit schwarzer Farbe schrieb Jonathan an die Wand neben dem Fenster: »Rache und Tod den Mördern«. Er drehte sich zu mir und ließ den Pinsel auf den Boden fallen. Mit einer Hand winkte er mich zu ihm, wir zogen die Nasen hoch und spuckten auf den Schriftzug.

 

Als wir in blau im Essenssaal saßen, Licht fiel durch das dreckige Fenster auf unsere Schuhe, dachte ich an Jonathans Augen, als er sich zu mir drehte und mich zur Wnad winkte. Da war nur Hass. Das mit dem Feuer war Marias Idee gewesen. Nino lachte und schrie: »He, hier versteckt sich einer von den Pissern.«.

Er packte ihn an dem Kragen seines Fußballtrikots und zerrte ihn aus der Kammer, in der er sich versteckt gehalten hatte. Ich lachte, es war einer der Kleinen, in der Großstadt hatte ich ihn an die Wand gedrängt.

Nino, der schöne Nino, schubste den Jungen, er fiel auf den dreckigen dunkelroten Perserteppich und wirbelte Staub auf. Als Nino auf ihn eintrat, lösten seine Haare sich aus dem perfekten Scheitel. Der Junge bekam Tritte in den kleinen Bauch und wir anderen standen um ihn herum. Und dann sagte Maria »Wir fackeln das Drecksloch ab.« In einer Ecke hatte sie hinter dem Holzbarren, dessen Sattel einmal beige glänzte, einen Benzinkanister aus Plastik gefunden. Guiseppe warf den Deckel weg und kippte das Benzin über das Sofa und das Regal, es spritzte dem Jungen auf die Beine. Er lag gekrümmt, er blutete nicht, aber er weinte. »Was machen wir mit ihm?«, fragte Jonathan. »Du und deine Pissfreunde haben Napoleon umgebracht«, sagte Nino zu ihm, beugte sich zu ihm herunter und sah ihn nachdenklich an. Dabei stützte er die Hände auf die Knie.

Maria warf das Streichholz. Und wir rissen die Tür auf und rannten los.

»Trennt euch«, rief Guiseppe.

 

Jonathan und ich trennten uns nicht. Wir rannten in das kleine Wäldchen nahe dem Schuppen und warteten bis die anderen über den Hof ins Schulhaus gelaufen waren. Über den Sportplatz rannten wir zurück zum Schuppen, ein Teil des Dachs brannte schon. Die Tür stand noch offen, Rauch trat aus dem Innern und meine Augen brannten als wir durch den dunklen dichten Rauch unseres Feuers in den Schuppen traten. Wir hielten uns die Hände über den Mund, unter unseren Füßen knackten die Glasscherben der Bierflaschen. Der Junge lag noch auf dem Teppich, wie wir ihn gelassen hatten. Er hatte die Knie zur Brust gezogen und dann das Bewusstsein verloren. Die Fransen des Teppichs auf dem er lag fingen schon Feuer. Jonathan packte seine Ärmchen, ich trug seine Beine. Wir legten ihn auf den roten Gummiboden des Sportplatzes, er war von der Nachmittagssonne aufgeheizt.

Dann rannten wir auch über den Hof ins Gebäude. Als ich mich noch einmal umdrehte, stürzte das Wellblechdach ein. Es knallte als es auf dem Boden aufkam.

Wir wussten nicht wohin mit uns, deswegen gingen wir auf unser Zimmer und wuschen uns die Hände und den Kopf. Legten uns auf die Betten, die Gesichter zur Decke. »Er hatte es verdient, oder?«, fragte Jonathan.

Ich tat als würde ich schlafen. Da weinte Jonathan. Ich fürchtete mich vor dem Hass in seinen Augen.

 

 

Der Rauch in unseren Ärmeln und den Hosentaschen verriet uns. Wir saßen im Essenssaal, stützten die Arme auf die Plastiktischdecke und der blaue Anzug roch nach Schweiß und Keller. Wir wussten nicht, wo die anderen sind. Ob sie gesehen wurden. Irgendjemand hatte gesagt, Nino wurde festgenommen.

Ich dachte an den Hass in seinen Füßen, als er den Jungen getreten hat, in seinem Gesicht, wie sein Mund offen stand, wie er schwitzte auf der Stirn.

Ich musste an den Tag denken, an dem Großvater und ich auf einem weißen glatten Felsen über unserem Meer saßen.

Ich ließ die Beine baumeln und hörte zu, wie das Wasser an den Stein schwappte.  

»Großvater«, sagte ich »hasst du mich manchmal?«.

»Ich denke schon«.

»Gut. Ich hasse dich nämlich manchmal.«. Sein Gesicht. Wie er die Fäuste auf den Tisch legte. Wie er beim Essen atmete und schnaufte. Wie leer er Nonna ansah an manchen Tagen.

»Woran liegt das, Großvater?«

»Wenn du einen Menschen liebst, dann hasst du ihn genauso sehr. Wenn du ihn kennst, dann ist deine Liebe auch Hass. Kümmer’ dich nicht darum.« Großvater stand auf, dabei stützte er sich auf seine Handknöchel und ging dann über den schmalen Pfad der Düne. Ich drehte mich nicht um. Ich guckte auf meine Knie und stellte mir vor, wie der Wind Großvater die dunkle Leinenhose an die Schenkel presste und er beim Gehen einen Fuß nachzog, der Riemen seiner Sandale war gerissen.