Wir grüßen Nino nicht auf den Gängen. Er wurde nicht festgenommen. Nino wäscht unsere Wäsche. Nino putzt die hölzernen Dielen der Gänge. Nino schrubt die Tische in den Klassenzimmern. An den Türen der Toiletten steht mit dickem schwarzem Stift geschrieben, Ninos Name und andere Sauereien. 

Jemand hat das Feuer gerochen. Jemand hat den Jungen auf der Wiese entdeckt. Zwei Monate ist das Feuer her. Wir sind jetzt bloß Jonathan und ich.

 

Roberto hat uns das Atelier verboten. Geschrien hat er. 

»Ihr Gottlosen. Es war doch nur ein Schwein, ihr Gottlosen!«. Die Hände hat er in die Luft geworfen, hat sich die Haare gerauft.

Maria, Guiseppe, Jonathan und ich standen mit hängendem Kopf, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Schuld im Nacken.

 

Maria spricht nicht mehr. Sie wartet, damit sie sich in der Essensschlange nicht hinter uns stellen muss. Ich weiß, dass Jonathan sie noch trifft. Ich besuche Roberto viel. Wir spielen auf dem Boden Karten. Er hat dunkle Ringe unter den Augen. Seine schwarzen Haare sind fettig.

Letztens hat Jonathan mich vor meinem Klassenzimmer abgepasst.

»Komm, ich zeig dir was«, hat er gesagt.

Wir sind ins Dorf gegangen, durch die Berggassen, die Arme schaukelnd. Jonathan hat sich vor einem kleinen Fenster hingekniet. Es war das Fenster eines Ballettsaals. 

Die Wände bespiegelt, dahinter schwarz. Ein Vorhang dick und purpurn samten.

Mädchen in weißen engen Kleidern, die Haare glatt. Die Gesichter ernst. Das Fenster war gekippt. Klaviermusik. Ich habe Jonathan von der Seite betrachtet. Den kahl rasierten Kopf. Die Hände auf die Knie abgestützt. Um ein Handgelenk ein braunes Lederarmband. 

»Jonathan, was machen wir hier?«

»Siehst den Jungen in der Ecke, wie er tanzt?«

Ich nickte. Der Junge hatte schwarz geschminkte Augen, ein breites Kreuz und ein enges Kostüm.

»Er ist jeden Tag hier. Manchmal stelle ich mir vor, dass er mir beibringt, wie man tanzt.«

Wir haben ihm beim Tanzen zugesehen.

»Sie fehlen dir, die anderen«, habe ich Jonathan gefragt.

»Sie sind feige und schlecht. Solche Menschen fehlen mir nicht.«

 

 

Im Internat klopfe ich an Olivias Tür.

»Mein Papa ist nicht da«, sagt sie, als sie aufmacht und ich folge ihr durch die dunkle Wohnung, die nach alten Büchern und Holz riecht.

Wir sitzen am Küchentisch und trinken Pfefferminztee, den Olivia selbst gemacht hat.

»Was ist?«, fragt Olivia mit großen Augen. Sie legt den Kopf auf ihre schönen Knie.

»Ich seh’ dich gerne an«.

Wir spielen Schach. Ich verliere jedes Spiel.

»Konzentrier dich. Du bist ein schrecklicher Verlierer.«, sagt Olivia und sie hat die Zungenspitze zwischen den Lippen und die langen Finger halten den hölzernen Bauern wie einen König.

»Ich kann nicht«, sage ich und gehe zum Fenster. Olivia legt den Kopf auf meine Schulter.

»Du bist ein guter Junge, Federico«.