Nino grüßte uns nicht mehr auf den Gängen. Er wurde nicht festgenommen. Nino wusch unsere Wäsche. Guiseppe putzte die hölzernen Dielen der Gänge. Maria schrubbte die Tische in den Klassenzimmern. Mit einer kratzigen alten Bürste fuhr sie in jede Rille. Jonathan und ich putzten die Toiletten, wir wuschen die Spiegel, leerten die Mülleimer, knieten über den Schüsseln. Wir mussten auch hinter die Schüsseln greifen, blitzblank sollten sie sein. An den grauen Türen der Toiletten und an den Fliesen der Wände stand mit dickem Stift Ninos Name geschrieben, daneben Worte, so böse, es war als spuckten sie mich an als ich sie las. Wir ließen die Worte und Ninos Name stehen, putzten nur um sie herum. Jetzt waren wir bloß noch Jonathan und ich. Jemand hatte das Feuer gerochen, die meisten Schüler rannten auf den Hof und starrten die dicke Rauchsäule an, die sich vom Schuppen in den Himmel schraubte. Jonathan und ich lagen auf unseren Betten als wir die Herden von Kindern vor unserer Zimmertür über den Gang traben hörten. Immer wieder schrien Stimmen »Feuer, Feuer!« und wir sprangen von unseren Betten auf, tauchten im Strom unter und traten mit auf dem Hof. Als wären wir einer von ihnen, einer von den Unschuldigen. Lehrer drängelten und versuchten die Schüler zu zählen, sie einzukreisen, aber alle schrien und schubsten. Nino, Maria und Guiseppe waren nicht unter ihnen. Als wir später zum Abendessen gingen, stand Nino auf, räumte seinen halbvollen Teller ab und lief wortlos an uns vorbei. Guiseppe kam nicht zum Essen. Maria wartete, damit sie sich in der Essensschlange nicht hinter uns stellen musste. Sie aß mit ein paar anderen Mädchen am Tisch.

 

Zwei Wochen waren seit dem Feuer vergangen. Roberto hatte uns in sein Atelier gerufen. Er schrie: »Ihr Gottlosen. Es war doch nur ein Schwein, ihr Gottlosen!«. Er schüttelte ununterbrochen den Kopf, faltete die Hände und sandte ein Gebet zur Decke. Dann hörte er plötzlich auf zu schreien, legte den Kopf schief als würde er nachdenken und sagte: »Geht mir alle aus den Augen« und dabei sah er durch uns hindurch. Maria, Guiseppe, Jonathan und ich standen mit hängendem Kopf, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, die Schuld im Nacken. Nino war nicht gekommen. 

 

Ich wusste, dass Maria und Jonathan sich jetzt heimlich trafen. Ich wollte hinunter in den Waschraum gehen, ich hatte mir meine schmutzigen Hosen über die Arme gehängt und so stieg ich die Treppe hinunter, als ich sah wie Maria den Waschraum verließ. Als ich eintrat, stand Jonathan zwischen den Maschinen. Er guckte erschrocken, kam zu mir und sagte »ich helf’ dir«. Er nahm mir eine Hose vom Arm, schmiss sie in eine der Maschinen. Er starrte auf die Fliesen des Bodens, murmelte »bis gleich« und dabei sah er mich nicht an. Die Schnalle seines Gürtels stand offen. Am Abend lagen wir auf unseren Betten, Jonathan blätterte in einer Zeitschrift, da fragte ich ihn dann: »Siehst du Maria noch?«. Er klappte die Zeitschrift zu, antwortete »Maria? Nein, wieso?«. Er schaltete sein Nachtlicht aus und drehte mir den Rücken zu.

Am nächsten Tag passte er mich vor dem Unterricht ab und sagte »Komm ich zeig dir etwas«. Wir nahmen die Tür, die in den Garten führte, duckten uns zwischen den Tomatenstauden. Den steinigen Weg hinab sind wir ins Dorf gelaufen, durch die steilen Berggassen. Wir gingen nebeneinander her und schaukelten dabei die Arme.

Jonathan bog in eine kleine Straße und kniete sich vor ein gekipptes Kellerfenster. Wir blickten in einen großen Ballettsaal, die Wände spiegelten, neben einer Tür hing ein samtener Vorhang, er war dick und violett. Er sah aus als würde er stinken und stauben. Mädchen in weißen engen Kleidern stützten ihre Hände auf das hölzerne Geländer in der Wand, manche legten ein Bein darauf ab. Viele der Mädchen waren jung, die Ballettanzüge lagen eng auf der flachen Brust, sie reckten ihr Kinderkinn nach oben und streckten ihre kurzen Beinchen durch. Ihre Haare waren zu strengen Zöpfen gebunden. Die Knie steckten in weißen Strumpfhosen, aus dem gekippten Fenster drang Klaviermusik. Ich betrachtete Jonathan von der Seite, den kahl rasierten Kopf, die kleine Ader die an seiner Schläfe pochte. Wir saßen in der Hocke und er legte die Ellebogen auf den Knien ab, sein Mund stand ein wenig offen, so konzentriert sah er in diesen Raum hinunter.

»Jonathan, was machen wir hier?« »Siehst den Jungen in der Ecke?«

Ich nickte. Der Junge war schon fast ein Mann, er trug ein schwarzes enges Kostüm und es spannte über seinem breiten Kreuz. Er tanzte den Mädchen vor, sie tanzten ihm nach und er formte die Arme über dem Kopf zu einem Oval und beugte sich anmutig zur Seite. Ich konnte sein Gesicht sehen, er hielt die Augen geschlossen beim Tanzen und sie waren schwarz geschminkt. Immer wieder machte er dieselbe Bewegung, versank ganz in ihr und tauchte gleich wieder auf, wenn eines der Mädchen einen Fehler machte. Dann stellte er sich hinter sie und legte ihr eine Hand an die Rippen, beugte sie zur Seite. Er schritt an den Mädchen vorbei, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Alle beugten sich zur Seite, die Hände und Arme fest angespannt und er nickte immer wieder.

»Manchmal stelle ich mir vor, dass er mir beibringt, wie man tanzt.« 

Ich sah Jonathan nicht an, wir knieten weiter vor dem Fenster und es tat mir in den Beinen weh, sie kribbelten.

»Sie fehlen dir, die anderen, oder?«, fragte ich ihn und er antwortete nur

»Es kann niemals wieder so sein wie es war.« 

Ich erhob mich aus der Hocke, hielt Jonathan die Hand hin und wir liefen zurück ins Internat, hatten die Hände in die Hosentaschen geschoben, kickten Kieselsteinchen und spuckten ab und zu an den Wegrand. Wir sprachen nicht.

 

 

Im Internat klopfte ich an Olivias Tür. Sie aß jetzt oft mit mir und Jonathan am Tisch, sie hatte sich einfach irgendwann dazu gesetzt und nicht nach Maria gefragt. Oder Nino. Einmal blieb ihr Blick an dem kleinen Jungen aus dem Schuppen hängen, sie blinzelte zwei Mal und senkte den Kopf. 

»Mein Papa ist nicht da«, sagte sie, als sie mir öffnete und ich folgte ihr durch ihr Zimmer in die dunkle Wohnung, die nach Holzboden, Moschus und Katzenfutter roch. Die Fliesen in der Küche waren alt und mit roten Mustern verziert, die Lampe über dem Tisch hing tief und warf mir sicher Schatten unter die Augen. Olivia setzte Pfefferminztee in einem Topf auf den Gasherd, die Pfefferminze hatte sie am Fensterbrett angepflanzt. Ob die Katze nicht auf das Fensterbrett springen würde, fragte ich sie und sie schüttelte den Kopf. Syrah zwängte sich durch die Tür, die einen Spalt breit offen stand, in die Küche. Olivia nahm sie mit einer Hand hoch, legte sich die weiße Katze an die Brust und setzte sich mir gegenüber an den Tisch. Das Wasser im Topf begann zu brodeln, erst leise dann lauter und ein Pfefferminzblatt klebte außen am Metall und wurde weiß und kokelte. Es stank ein bisschen.

»Was ist?«, fragte Olivia, sah kurz mit großen Augen zu mir auf und hob dann Syrahs weißen Kopf an ihre Wange. Sie hielt sie am Bauch mit zwei Händen von sich weg, Syrah streckte ihre Beine lang und ich konnte ihre Krallen sehen. 

»Ich seh’ dich gerne an«, antwortete ich. Olivia setzte die Katze auf den Boden und sie stob davon. Olivia machte »hm«, als wunderte sie sich über meine Worte und lächelte mir zu. Wir spielten Schach. Ich verlor jedes Spiel.

»Konzentrier dich. Du bist ein schlechter Verlierer.«, sagte sie, klemmte ihre Zungenspitze zwischen die Zähne und die langen Finger hielten den Bauern wie einen König. »Ich kann nicht«, ich schob den Stuhl zurück und lehnte meine Stirn an die Fensterscheibe. Olivia trat zu mir und legte mir von hinten den Kopf auf meine Schulter. Sie atmete laut in meinen Nacken, ich bekam Gänsehaut davon.

»Du bist ein guter Junge, Federico«.