»Hallo«, sagt Maria. Maria steht mit verschränkten Armen vor mir. Lässt die Arme fallen. Maria sieht grau aus. Und klein.

»Hallo«, sage ich. Wir stehen im Gemeinschaftsraum zwischen gefüllten Regalen, lauten Kindern und schmutzigen Samtsofas als würden wir uns nicht kennen.

Maria trägt ihre schwarze ausgebeulte Lederjacke. Wir wissen nicht wo wir hinsehen sollen.

»Ich möchte mit euch reden. Sagst du Jonathan das?«.

»Warum sagst du es ihm nicht selbst?«.

»Bitte«. Maria sagt niemals bitte. Ich nicke.

»Später auf dem Dach?«. Ihre Augen hoffnungsvoll müde schwarz.

 

Ich komme nach meiner letzten Stunde ins Zimmer. Jonathan steht am Fenster. Er war nicht in seinem Unterricht.

»Ich weiß nicht, Federico.«

Ich stelle mich neben ihn und wir schauen auf die Berge.

»Was?«.

»Alles.«

Auf dem Weg zum Dach sieht Jonathan sich oft um. Maria und Guiseppe warten unter den Kakteen. Maria tippt mit dem Fuß. Guiseppe sieht irgendwo über das Dach hinaus in die Berge. Er hat die Hände tief in den Taschen.

Als Maria uns sieht, winkt sie und setzt sich in die Ecke unserer Freundschaft.

Wir sitzen zu viert und es ist seltsam. »Kommt Nino?«, frage ich und bereue es gleich. Maria sieht mich an, als hätte ich den Namen eines Fremden genannt.

»Wir wissen alle, dass das was Nino getan hat zu viel war. Wir haben alles verloren«, sagt Maria. »Ich wollte euch sprechen, weil...«

Wir nicken. Es gibt kein Wir mehr. Es gibt ein Ich, Du, Er, Sie und den, der die Grenze überschritten hat.

»...weil ich euch auch verloren habe.«

Wir alle wissen es, wir können es sehen. Es liegt vor uns auf dem Boden. Es steht an den gelben Wänden der vergessenen Dachterrasse. Wir sind die erste Familie, die keine Familie mehr ist.

Ich spüre das im Bauch und im Hals auch, beim Schlucken, als ich später die Treppe runter gehe. Wir haben uns im Schuppen verbrannt, haben uns angezündet mit dem einzigen kleinen Streichholz, das Maria ins Benzin geworfen hat.

 

Es gewittert. Ich muss raus, das sage ich Jonathan und dann renne ich durch den Regen über die Wiese hinterm Garten zum Wald. Im Wald ist es so laut und still. Es riecht nach frischem Regen auf sattgrünen Blättern und getrockneten Nadeln.

Ich lege mich auf Moos und denke an mein Meer. An seine Farben und Launen.

»Nichts ist so gewaltig wie die Gutmütigkeit des Meeres. Und nichts ist so gefährlich.«, hat Großvater einmal gesagt.

Ich ziehe meine Schuhe aus und presse die Füße ins Moos.

Ich brauche wieder Sand unter den Füßen. Im Internat habe ich keine Hornhaut. Im Internat habe ich die weichen Füße eines Mädchens. Ich bleibe nicht lange. Im Waschsaal nehme ich eine heiße Dusche und hinterlasse Wald auf den Fliesen. Jonathan ist weg. Sein Platz im Essenssaal bleibt leer. Meiner auch. Ich will Olivias schönen Augen nicht begegne, wenn sie vom Löffel aufblickt. Sie wird sagen:

»Versuch’s doch mal mit einem Lächeln, mein Schöner.«

Ich glaube Olivia weiß, dass wir das Feuer gelegt haben. Olivia kann Maria nicht leiden.

 

Jonathan kommt spät. Er hängt seine nasse Jacke über seinen Schreibtischstuhl. Ich sehe ihr zu wie sie auf den Boden tropft. Zähle die Tropfen.

»Er heißt Elias«, sagt Jonathan. Seine Wangen sind rot vom Regen.

»Der Tänzer. Er heißt Elias. Ich habe es die Lehrerin sagen hören, über das Klavier hinweg.«.