»Hallo«, sagte Maria. Maria stand mit verschränkten Armen vor mir, löste sie dann  und so standen wir uns gegenüber inmitten des Gemeinschaftsraums zwischen den hohen Regalen, den lauten Kindern, den ledernen Sesseln. Wir standen als würden wir uns nicht kennen. Marias Haare waren länger geworden, sie klemmte die dunklen Fransen schon mit goldenen Spangen zurück. Ich sah ihr ins Gesicht und mein Blick blieb an ihren Wangen kleben, sie waren eingefallen, ein bisschen nur. Wochen waren vergangen nach dem letzten Mal an dem Maria und ich miteinander gesprochen hatten. Immer noch aß sie mit den Mädchen aus ihrer Klasse am Tisch, manchmal hob sie den Kopf und hörte ihren Gesprächen zu. Dann lachte sie sogar kurz auf und eines der Mädchen legte ihr die Hand auf die Schulter oder fasste sie an den Arm. Nino musste bei den Lehrern am Tisch essen. Er kam wenn alle kamen und stand als erstes auf und verließ den Saal. Wenn er in der Essensschlange wartete, zog er sich seine Kapuze ins Gesicht und wenn er aufsah, dann immer starr nach vorne, wie ein Soldat, der vom Offizier getadelt wird und den Blick halten muss. In den Unterrichtsstunden in denen ich am Fenster saß, konnte ich ihn manchmal über den Hof stiefeln sehen. Er trug nun schwarze Hosen und ließ immer den Kopf hängen, die Haare kämmte er schon lange nicht mehr in den Scheitel. Ein Mal traf ich ihn im Waschraum beim Zähneputzen. Ich stellte mich an das Waschbecken neben ihn und wusch mir lange das Gesicht mit kaltem Wasser. Ich hatte mein Handtuch vergessen und das bemerkte Nino. Er reichte mir seines und mit der Spitze tupfte ich mir die Stirn ab. Ich gab es ihm zurück und er zuckte die Schultern und lächelte schief. Er wollte gehen, seine Zähne waren geputzt, die Hände mit Kernseife gewaschen und doch blieb er noch einen kurzen Moment vor mir stehen. Ich wollte etwas sagen, ihn fragen wie es ihm geht, einen blöden Witz reißen, mich beschweren, dass das warme Wasser nicht ging. Doch er drückte mir sein Handtuch in die Hand, nickte mir zu und ging. 

Guiseppe aß manchmal wieder mit mir und Jonathan am Tisch, doch er aß schnell und wenn wir Geschichten erzählten, dann lächelte er nur und sagte Dinge wie »na, so ist es eben« oder auch einfach »mensch« und »ja, stimmt«. Wenn wir gemeinsam Unterricht hatten, setzte er sich an den Tisch in der letzten Reihe, kippelte auf seinem Stuhl und schrieb Sätze in ein kleines Notizbuch. Manchmal zeichnete er etwas dazu. Einmal musste er sein Buch am Pult abgeben und der Lehrer las zur Strafe vor der ganzen Klasse laut daraus vor. Es waren nur kleine Bilder, die er aufgeschrieben hatte. Der Lehrer las: »Der Puma bei Tagesanbruch zwischen den Gräsern. Die alte Frau mit dem weißen Damenbart. Die zwei Taubstummen im Zug, die Zahnlücke des Mädchens gegenüber.« Alle lachten. Jonathan und ich lachten nicht. Ich erinnere mich gut an den Tag, als wir mit dem Zug in die Großstadt gefahren sind und uns gegenüber ein Junge und ein Mädchen saßen, die sich mit Handzeichen unterhielten. Sie legten sich oft die Hände auf die Knie, der Junge strich dem Mädchen über die Wange und immer lachte das Mädchen lautlos. Sie hatte eine große schöne Zahnlücke und eckige kleine Zähne. Ich wollte wissen, was der Junge ihr gesagt hatte mit seinen langen, knochigen Fingern. 

 

An einem Abend erzählte Jonathan mir alles. Wir saßen auf unseren Metallbetten, ich lehnte mit dem Kopf an der Wand und hatte die Beine überschlagen, da sagte Jonathan zu mir: »Ich treffe Maria nicht mehr«. Und ich sah zu ihm auf und guckte unwissend, schlug die Beine auseinander und Jonathan begann zu erzählen. Wie er eine Woche nach dem Feuer, Maria im Waschsaal getroffen hatte. Sie trug ihr weißes Shirt mit dem großen roten Kreis in der Mitte, das wo unten noch ein wenig brauner Bauch herausblitzte. Wie sie ihn geküsst hatte, lange und er ließ es einfach geschehen. Wie er sich dann jeden Tag nach dem Unterricht mit ihr dort unten im Waschsaal getroffen hatte. Gesprochen hatten sie nie. Zwischen den schleudernden Maschinen hatte er gewartet und Maria kam immer ein wenig zu spät. Wie er einmal angefangen hatte sie zu küssen und sie in einen Berg aus frischen Laken gedrückt hat. Wie sie ihre Hände in seine hinteren Hosentaschen gesteckt hat und sie einfach dort liegengelassen hat. Und wie er seine Finger unter ihr Hemd geschoben hat, nur kurz. Wie sie ihn dann von sich geschubst hat, ihre Haare hinter das Ohr gestrichen hat, wie sie sagte »tu das nie wieder« und aus dem Waschsaal gerannt ist. Und Jonathan dann alleine stand, zwischen den Wäschebergen, mit offener Gürtelschnalle. Und wie ich in den Waschsaal kam und er sich ganz eigenartig fühlte, mir deshalb meine Hose abnahm. Am nächsten Tag war er durch das Dorf spaziert, die Blätter der Pappeln raschelten im Wind und da hatte er die Klaviermusik durch das offene Kellerfenster gehört. Er war stehen geblieben, hatte sich vor das Fenster gekniet und den jungen Mädchen zugesehen, wie sie tanzten und mit ihren kurzen Beinchen die Schritte des Jungen im schwarzen engen Kostüm nachtanzten. Das erzählte Jonathan mir und dann saßen wir uns schweigend gegenüber, es wurde dunkel vor dem Fenster und kalt. Ich stand auf uns schloss es, als ich mich umdrehte, hatte Jonathan sein Licht ausgeschaltet und tat als würde er schlafen. Später flüsterte ich ins Dunkel »tut mir leid« und hörte wie Jonathan sich in seinem Bett umdrehte.

 

Und jetzt standen wir uns also gegenüber, Maria und ich, und sie trug ihre ausgebeulte Lederjacke. Den Gürtel hatte sie fest um ihren Bauch geschnallt, als wollte sie etwas zusammen halten. 

»Ich möchte mit euch reden. Sagst du Jonathan das?«, Maria sprach leise und fast hörte ich sie nicht, auf einem der Sofas in der Ecke sang eine Gruppe kleiner Jungen ein italienisches Arbeiterlied und lachte laut.

»Warum sagst du es ihm nicht selbst?«, fragte ich, kannte die Antwort und sie blickte mich aus ihren dunklen Augen an wie eine Gazelle, die einen Feind witterte.

»Bitte«. Maria sagte niemals bitte. Ich nickte. 

»Also später auf dem Dach?«, sie wartete meine Antwort nicht ab, schob die Fäuste in die Taschen ihrer Lederjacke und ließ mich stehen.

 

Nach meiner letzten Stunde kam ich in unser Zimmer, Jonathan stand am Fenster. Eine Taube saß auf dem Fensterbrett und gurrte. »Ich weiß nicht, Federico.«, sagte er ohne sich umzudrehen. Ich warf meine Hefte auf mein Bett, stellte mich neben ihn und wir blickten auf die Berge. »Was?«. »Alles.«

Auf dem Weg zum Dach sah Jonathan sich oft um. Maria und Guiseppe warteten unter den Kakteen am Ende des Dachgartens. Maria tippte mit dem Fuß einen Takt. Guiseppe starrte durch das Loch in der Wand hinunter in den Schulhof. Ein Wind ging und seine Hose flatterte ihm um die dünnen Beine. 

Als Maria uns erblickte, hob sie eine Hand zum Gruß und setzte sich in die Ecke unserer Freundschaft auf den kalten Steinboden. Wir saßen zu viert im Schatten und schwiegen. »Kommt Nino?«, fragte ich, um etwas zu sagen und bereute es sogleich. Maria sah mich an, als hätte ich den Namen eines Fremden genannt.

»Wir wissen alle, dass das was Nino getan hat zu viel war.«, sagte Maria. »Deswegen wollte ich euch sprechen. Weil ich euch verloren hab.«

Wir nickten. Es gab kein Wir mehr, es gab ein Ich, ein Du, Er, Sie und es gab den, der die Grenze überschritten hat. Wir waren ein Kaktus mit gebrochenen Stacheln.

Wir hatten uns im Schuppen verbrannt, hatten uns angezündet mit dem einzigen kleinen Streichholz, das Maria ins Benzin geworfen hat.

 

Es gewitterte. Ich muss raus, das sagte ich zu Jonathan, knallte die Tür zu als ich unser Zimmer verließ und nahm auf der Treppe drei Stufen auf einmal. Als ich auf den Hof trat, regnete es bereits und ich lief im Garten zwischen den Tomatenstauden hindurch, am Kürbisfeld vorbei, auf den kleinen Pfad der in das Fichtenwäldchen hinter der Schule führte. Ich sank mit meinen Schuhen tief in die nasse Erde ein. Im Wald roch es nach dem Regen, der die grünen Blätter herunter rann und nach morscher Rinde. Ich legte mich zwischen den Bäumen auf einen Moosteppich und dachte an mein Meer, es machte mir nichts, dass sich das nasse Moos in meine Kleidung drückte. 

»Nichts ist so gewaltig wie die Gutmütigkeit des Meeres. Und nichts ist so gefährlich.«, hatte Großvater einmal gesagt.

Ich zog meine Schuhe aus, streifte die Socken von den Füßen und presste die Zehen in das Moos. Im Internat hatte ich keine Hornhaut. Im Internat hatte ich die weichen Füße eines Mädchens. Ich blieb nicht lange im Wald, lief barfuss zurück und von oben regnete es mir in die Schuhe, die ich in einer Hand hielt. Im Waschsaal hängte ich meine Hose, mein Hemd an einen Haken und es tropfte auf den Boden. Ich nahm eine heiße Dusche, Dampf stieg zur Decke auf und der Dreck meiner Füße floss langsam in den Abguss. Ich schwänzte das Abendessen und legte mich mit nassen Haaren in mein Bett. Ich wollte Olivias Augen nicht begegnen, wenn sie vom Löffel aufblickte. Sie würde sagen:

»Versuch’s doch mal mit einem Lächeln, mein Schöner.«

 

Als Jonathan ins Zimmer kam, war es draußen schon dunkel. Ich hatte das Fenster angelehnt um den Regen zu hören. Er warf seine nasse Jacke über seinen Schreibtischstuhl. »Er heißt Elias«, sagte Jonathan. Seine Wangen waren rot von der Kälte, Tropfen hingen ihm auf der Oberlippe.

»Der Tänzer. Er heißt Elias. Ich habe gehört, wie eines der kleinen Mädchen ihn gerufen hat.«