Olivia stürmt in mein Zimmer.

»Federico, deine Nonna ist am Telefon. Du sollst zu meinem Vater ins Büro.«

Ich sehe auf die Uhr, die neben meinem Metallbett steht und tickt. Es ist sehr früh.

Ich habe ohne Decke geschlafen und schlecht geträumt. Olivia sieht mich an, wie ich in Unterhose auf meiner Bettkante sitze. Ich fühle mich nackt.

»Du siehst warm aus«, sagt Olivia und kichert ihr Vogelkichern, das man nur hört, wenn man will. Schnell ziehe ich mich an und laufe an ihr vorbei auf den Flur. 

Im Büro des Direktors riecht es nach Zigarren und Orange. Mit einer Hand weist der Direktor auf den braunen Ledersessel ihm gegenüber. Sein Tisch ist antik dunkel glänzend. Seine runde Brille klein. Er schiebt sein grünes Telefon zu mir über den Tisch, nickt mir zu und verlässt das Zimmer. Ich betrachte das Telefon. Nehme den Hörer von der Gabel.

»Nonna?«

»Mein Junge.« Es rauscht. Vielleicht ist es aus Nonnas Atem. Ich stelle mir vor, wie sie in ihrem weißen Rock mit den gelben Blumen in der Diele unter dem Gemälde meiner Urgroßmutter sitzt. Mir wird sehr warm im Magen.

»Mein Junge, dein Großvater -«

»Was ist mit Großvater?«

»Komm zu uns nach Hause, Federico.«

Nonna legt auf. Ich sinke in den Ledersessel, das Gesicht zur Decke, die Augen geschlossen und so bleibe ich eine Weile. Sonne fällt auf das dunkel glänzende Holz des Schreibtischs. Ich wünsche mir Gewitter.

Der Direktor kommt herein.

»Pack deine Sachen, Junge«. Er legt mir eine Hand auf die Schulter. Drückt kurz zu.

»Darf ich wiederkommen?«, frage ich.

»Jederzeit.«

 

Großvaters Lederkoffer liegt aufgeschlagen auf dem Bett. Ich packe ein und packe wieder aus. Ich weiß nicht, wofür ich packe. In der Schublade meines Nachtischs finde ich die Brosche, die ich für Nonna auf dem Markt gekauft habe. Es ist eine Pharaonin. Sie ist gold mit bunten Farben. Ich setzte mich neben den Koffer aufs Bett und lehne an der Wand. Jonathan kommt ins Zimmer. Bleibt in der Mitte stehen. Setzt sich dann neben mich. Das Bett knarzt. Er legt seinen Arm um meine Schulter. So bleiben wir eine Weile. Dann steht er auf und holt eine große Tasche aus dem Schrank.

»Was machst du?«, frage ich.

»Ich komme mit«, sagt er.

»Aber ...«.

»Das ist mir egal«, sagt er.

 

 

Wir werden uns von unseren Mädchen verabschieden. Jonathan und ich stehen im Türrahmen und nicken uns zu. Ich gehe zu Olivia. Ich klopfe an die dunkelrote Tür der Direktorwohnung.

»Ich habe auf dich gewartet«, sagt sie, als sie aufmacht.

»Ich muss weg«, sage ich.

»Ich weiß«.

Wir stehen in ihrem dunklen Flur. Olivia küsst mich auf den Mund.

»Hier. Denk an mich, wenn du sie trägst.«. Ich lege ihr die Pharaonenbrosche in eine Hand. Olivia hat Hornhaut auf den Handflächen. Wir sind oft auf den großen einfachen Baum geklettert und haben die Beine baumeln lassen. Manchmal auch mit dem Kopf nach unten. Ihre Haare waren dann ein blonder Wasserfall. Olivia und ich haben unsere Füße verschränkt um uns zu halten, jeder die eigenen. 

Ich küsse Olivias Wangen, ihre Hände und gehe rückwärts zur Tür. Stolpere fast und lache auf, zu laut verlegen traurig.

»Ciao, Federico.«, sagt meine Zitrone.

»Ciao, Olivia.«

 

Im Zimmer will Maria gerade gehen. Sie gibt mir mit trockenen Lippen einen Kuss auf die Wange und kneift mich. Jonathan sieht ihr nach, starrt auf die Stelle am Fußboden. »Du liebst sie noch«, sage ich. 

»Das ist so eine Sache«, sagt Jonathan.

 

 

Wir fahren mit der Fähre von Villa San Giovanni nach Messina. Die Zugfahrt war endlos. Wir hatten das Fenster gekippt und beim Aussteigen Abdrücke unserer Hände im Gesicht. Wir haben viel geschlafen. Die Fähre fährt erst spät in der Nacht. Wir werden in den Morgen fahren. Wir warten am Hafen. Der Asphalt ist noch warm. Es riecht nach Benzin und totem Fisch. Männer mit müden Gesichtern, stoppeligen Bärten und schmutzigen Händen rufen durch die Nacht. Boote schaukeln auf schwarzen Wellen. Kleine Holzboote. Große rostige Metallschiffe. Jonathan und ich sitzen auf gelben Steinblöcken, um die Schifftaue geschlungen werden. Ich denke an Großvater. Ein großes schweres Schiffstau legt sich um meinen Hals. »Danke«, sage ich zu Jonathan. Unser Schiff legt an und Licht fällt aus seinem Bauch auf uns. 

»Immer«.

Wir gehen an Bord. Stellen uns an die Spitze der Reeling um den salzigen Wind in den Ohren zu hören. Um ihn zu riechen, den Wind unseres Meeres. 

Wir fahren nicht lange, als die Sonne aufgeht. Das Meer riecht anders, wenn die Sonne aufgeht. Es lächelt. Die Gischt ist unser weißer Begleiter. Unser Meer bringt uns nach Hause. Ich beuge mich über das Geländer und spiegle mich im Blau, das niemals ruht. »Gutmütig«, denke ich und strecke die Hände zum Wasser. Die Sonne scheint mir auf die Stirn und die freie Stelle hinterm Ohr.