Nonna holte uns in Großvaters Fiat vom Hafen ab. Wir fuhren lange, wir mussten an das andere Ende der Insel. Nonna fuhr schnell, sie hatte den Autositz nach vorne geschoben, die Hände fest um das Lenkrad gekrallt. Sie hielt die Augen zusammengekniffen und um ihren Mund lag ein scharfer Zug.

Ich hatte nicht gewusst, dass Nonna gut Auto fahren konnte. Die morgendlichen Straßen waren leer und die orangenen Lichter der Straßenlaternen fielen noch auf die Müllsäcke, die Sträucher am Straßenrand. Wir kurbelten unsere Fenster herunter und sprachen nicht. Jonathan schlief zusammengekauert auf der Rückbank. Von draußen wehte der Duft von Jasmin durch die Fenster. Man mochte sich in ihm die Hände waschen. Auf der Straße lagen tote Frösche. Die Frösche im Gestrüpp der Straßen sangen immer laut und waren zu langsam. Nonna tippte mich auf die Schulter als wir ankamen. Jonathan würde bleiben und bei uns schlafen. In der Diele ging ich auf Zehenspitzen. Die Tür zu Großvaters Zimmer war angelehnt. Ich stand im Türrahmen und betrachtete meinen Großvater. Seine Wangen waren eingefallen, er atmete laut und rasselnd, eine Hand lag auf dem weißen Laken. Sie war von dunkelblauen dünnen Adern und Altersflecken übersäht. Wenn er schlief, sahen die tiefen Falten um seinen Mund nicht grimmig, nur alt aus. Nonna legte mir von hinten eine Hand auf die Schulter. Ich hatte sie nicht kommen hören. Ich drehte mich zu ihr um und wir lehnten Stirn an Stirn. Meine Nonna war die stärkste Frau. Nonna ging nicht oft ans Meer. Und doch hatte sie die Ruhe der See.

 

Jonathan schlief auf einer dunkelgrün geblümten Matratze auf meinem Boden. Ich war die Hitze, die sich über mein Laken legte nicht mehr gewohnt und schlief unruhig. Ich träumte nicht. Später saß Nonna am Steintisch im Garten und trank schwarzen Kaffee aus einer großen Tasse.

»Schläft mein Jonathan noch?«, fragte sie.

»Ja«, antwortete ich. »Und Großvater?«.

Nonna nickte. »Er schläft viel. Das ist gut. Lass uns schwimmen gehen«, sagte sie dann und hatte die süßen Falten eines Mädchens um die Augen. Sie stützte sich auf den Fäusten ab und trat vor mir in die kühle Diele.

 

Es war lange her, dass Nonna und ich alleine schwimmen gewesen waren. Meine Nonna trug hellblaue Wassersandalen aus Gummi. Ihr Badeanzug war rot mit weißen Streifen. In mein Meer watete sie mit kleinen Schritten. In ihrer Jugend war sie schon zwei Mal in einen Seeigel getreten. Wir schwammen weit hinaus. Ich tauchte neben meiner Nonna her. Unterwasser sah ich verschwommen ihre hellen Beine. Später sammelten wir die Skelette der toten Tintenfische vom Strand auf. Sie rochen gut. Manchmal brach ich eines in der Mitte durch und es knackte laut. Nonna sammelte auch Steine. Aber nur die dunkelgrauen mit zwei dünnen weißen Streifen. Sie legte sich manchmal einen Stein als Glücksbringer unter ihr Kopfkissen. Vor der Sonne des Mittags liefen wir nach Hause, barfuss. Nonna kicherte und trug ihre hellblauen Wassersandalen aus Gummi in einer Hand. Einmal blieb sie stehen und legte mir die freie Hand auf die Wange und sagte: »Mein Junge«. 

Sie zog dabei die Augenbrauen nach oben, als würde sie ein kleines Kätzchen ansehen.

 

Großvater war wach als ich mich auf einen Hocker neben sein Bett setzte. Er hatte sich aufgerichtet und sein Nachthemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Er trank kalten Tee. »Na, was macht die Schule?«, fragte mein Großvater mich.

»Das Übliche«, antwortete ich. »Wie fühlst du dich?«.

Großvater blickte mich abschätzig an und nahm einen lauten, großen Schluck aus seiner Tasse. Jonathan klopfte an die offene Tür und stand groß und verlegen im hellblauhölzernen Türrahmen. In der Hand hielt er einen Teller mit frischem Obst.

»Schau an«, sagte Großvater und es klang zufrieden. Er bedankte sich nicht und nahm den Teller mit großen Kinderaugen entgegen. Zu dritt spielten wir Karten. Großvater schnaufte laut. Wir ließen ihn gewinnen. Er lachte uns aus. 

Später pinkelte ich mit offener Tür. Ich war zuhause. Mein Großvater starb.