Großvater schlief die meiste Zeit. Manchmal redete er im Schlaf. Er hatte Fieberträume. Er schrie. Nonna saß dann bei ihm und massierte ihm die Handballen und trocknete seine Stirn mit einem roten Stofftuch. Manchmal sang sie leise für ihn. Letzte Woche waren Alessia und Claudio zu Besuch gekommen. Claudio hatte mit Großvater Wein getrunken, obwohl Nonna es ihm verboten hatte. Großvaters Lippen waren blau gefärbt vom Wein und er schwitzte auf der Oberlippe. Nonna wechselte seine Nachthemden. Jonathan und ich erzählten ihm Geschichten aus dem Internat, die ihn müde machten und dann zogen wir die Vorhänge zu und gingen leise aus dem Zimmer. Nonna saß abends lange im Garten und blickte in den Himmel. Manchmal hielt sie dabei ihr kleines Holzkreuz in den Händen. Ich sah, wie Jonathan sie manchmal von der Seite betrachtete. Letztens fand ich einen Zettel auf meinem Kopfkissen. Deine Nonna ist der stärkste Baum in ihrem Garten, stand darauf.

 

Jonathan und ich wanderten zur Bucht mit dem Bootshaus. Die Holztür war zerbrochen und in den Ecken lagen zerrissene Fischernetzte und leere bunte Flaschen. An der Wand hing ein schiefes Regal und den Fenstern fehlte das Glas. Das Bootshaus hatte einen kleinen Steg. Auf ihm saßen wir und ließen die Beine baumeln. Mit den Zehen konnten wir das Wasser berühren. Jonathan und ich trugen unsere Ärmel hochgekrempelt. Auf den Felsen, die dunkel und grob aus dem Wasser ragten krabbelten schwarze Krebse. 

»Ich habe am Tag bevor wir gefahren sind vor der Ballettschule auf Elias gewartet«, erzählte Jonathan.  »Und dann?«. »Wir sind ein Stück zusammen gelaufen. Ich habe gesagt ich möchte lernen, wie man tanzt. Zum Abschied haben wir uns die Hände gedrückt«. Ich schwieg. 

»Er lächelt wie eine Katze«, sagte Jonathan dann. »Und er bewegt sich wie ein schwarzer Panther.« 

Später flippten wir Steine am Wasser. Ich konnte gut flippen. Sieben Mal streifte mein Stein das Wasser. Immer sagte Jonathan »Das kann’s doch nicht sein«. Er konzentrierte sich sehr, hielt die Zungenspitze zwischen den Lippen und schaffte trotzdem nur drei Mal. Er sah mir dann lieber zu und ich sagte »schau so« und machte eigentlich nichts anders als er. Jonathan pfiff.

 

Als mir die Arme schmerzten vom Flippen und ich keine guten Steine mehr fand, spazierten wir durch die Gassen im Dorf und unterhielten uns laut über Mädchen. Wir liefen vorbei an offenen Fenstern, die die Straßen mit dem Klang von klapperndem Geschirr und schimpfenden Müttern füllten. Der Geruch von geröstetem Knoblauch und Zigaretten legte sich auf das helle glatte Marmorpflaster. Auf dem Kirchplatz spielte einer der Alten Ziehharmonika. Die anderen Alten mit den löchrigen Zähnen und den dunklen knorrigen Händen, die sie auch im Sitzen in die Hüften stemmten unterhielten sich.

Manche tippten im Takt mit dem Fuß und wogen sich sacht zur Melodie der Ziehharmonika. Jonathan und ich saßen auf einer warmen Steinbank unter einer Pinie und beobachteten die kleinen Kindern, die im Abendlicht Kreise auf ihren Fahrrädern fuhren. Wir blieben nicht lange. Wir wollten im richtigen Moment da sein.