Heute Morgen ist Großvater aufgestanden. Großvater ist jetzt dünn. Großvater möchte das Meer sehen. Mein Großvater nimmt mich bei der Hand und wir laufen durch die Morgengassen. Er trägt seine schwarze Bügelfaltenhose. Es ist seine schönste. Er hat sich für seine blaue Dame fein gemacht. Großvater stützt sich auf einen hölzernen Gehstock. Nonna hat ihn von einem Nachbarn anfertigen lassen. 

Er ist aus dunklem Holz und glatt poliert. Nonna hat ein Band mit einem Zitronenblatt darum gebunden und ihn neben Großvaters Bett gestellt. Großvater ist aufgewacht und hat geschrien, jemand soll diesen lächerlichen Ast aus seinem Zimmer schaffen. Irgendwann hat er angefangen, aufrecht in seinem Bett zu sitzen  und ihn wie ein Gewehr auf uns zu halten, wenn er etwas wollte. Dann haben wir seine Kissen gerichtet, haben ihm zu trinken gebracht und Feigen aufgeschnitten.

Manchmal hat er laut Radio gehört. Dann war sein Gehstock der lange Stab eines Dirigenten. Mein Großvater saß mit zugekniffenen Augen im Bett, eine Hand auf dem Ohr und stach mit de Gehstock Melodien in die Luft.

Jetzt gehen wir langsam durch die Morgengassen die nach kaltem Stein riechen. Großvater und ich gehen zur Bucht in der ich und Jonathan die tote Moräne gefunden haben. Wir vergraben die Füße tief im Sand und stehen und gucken auf das Meer.

»Ich möchte schwimmen«, sagt Großvater und zieht sich nackt aus. Er geht dann die Hände in den Hüften, den Bauch stolz der Sonne entgegen gestreckt mit kleinen Schritten auf das Wasser zu und seine weißen Haare stehen wirr nach oben.

Der Hintern meines Großvaters ist klein und stramm. Ich setze mich in den Sand und habe Angst um meinen Großvater wie um ein kleines Kind. Mein Großvater lacht und schwimmt in langsamen Zügen. Sein Kopf wackelt wie der eines Hundes.

Irgendwann rufe ich: »Komm bitte raus. Das Schwimmen strengt dich sicher an« und ich stehe bis zu den Knien im Wasser. Die Hand wie ein Indianer auf der Stirn und die Wellen umspülen meine Hose. Großvater dreht sich um und lacht nur. Er taucht unter und ich möchte einen Hecht machen. Großvater prustet Wasser und geht an mir vorbei an den Strand. Ich lege ihm mein Hemd um die Schultern. Wir liegen im Sand und ich beriesle meinen Bauch. 

»Federico?«, fragt mein Großvater.

»Ja?«.

»Wirst du bleiben?«.

»Ich weiß nicht. Wirst du bleiben?«.

»Nein. Sie braucht dich, Junge«, sagt Großvater.

»Ich weiß, Großvater«.

»Ich bin müde«.

»In Ordnung«.

Auf dem Rückweg stützt sich Großvater auf mich und seinen Gehstock. Ich höre wie laut er atmet. Seine Hände sind kalt wie mein Meer. Sie zittern.

Nonna steht am Gartentor. Sie hat auf uns gewartet. Großvater küsst sie auf den Mund. Meine Nonna bekommt rote Wangen und schmunzelt. 

»Leg ihn hin. Ich mache ihm eine heiße Milch«, sagt sie.

Jonathan kommt die Treppen hinunter und gemeinsam legen wir Großvater in sein Bett. Nonna wäscht ihm den Hals. Sie stellt das dampfende Glas Milch auf Großvaters Nachtisch neben das Bild der heiligen Maria. Nonna trägt ihr hagebuttenrotes Sommerkleid. Großvater hat es ihr vor langer Zeit geschenkt.

Nonna massiert ihm die Hände. Zu dritt sitzen wir um das Bett meines Großvaters.

»Schaut mich nicht so an«, sagt er und schließt die Augen. Er hat ein kleines Lächeln im linken Mundwinkel. Es ist still im Zimmer. Jonathan und ich legen den Kopf auf Nonnas Schulter. Wir bleiben lange so sitzen.

 

Wir beerdigen Großvater auf einer Düne über seinem Meer. Claudio und Alessia sind gekommen. Wir alle tragen Bunt. Großvater hat gesagt, er möchte sich nicht vorstellen, wie Raben um sein Grab stehen. Wir pflanzen einen Orangenbaum auf seinem Grab. Jonathan und ich stehen Arm in Arm und spiele auf meiner Mundharmonika ein altes Lied. Es ist ein Lied über einen Seefahrer, der sich ertränkt um mit den Meerjungfrauen zu schwimmen. Nonna steht mit den Augen geschlossen und hält das Gesicht in die Sonne. Sie hat orangen Lippenstift aufgelegt. 

 Meine Nonna ist die Stärkste.

Nonna hat gekocht. Wir essen zu fünft auf dem Steintisch im Garten. Es gibt Schwertfisch mit Zitrone in Specksoße. Ich küsse meine Nonna auf beide Wangen. Jonathan und ich stehen auf. Wir steigen in Großvaters minzgrünen Fiat.

Ich lasse die Fenster herunter und wir fahren los.