In diesem Sommer weckte Großvater mich eines Morgens als es noch dunkel war. In der Hand hielt er seinen großen Leinenbeutel. Viele seiner Geschichten fingen mit seinem dunkelgrünen Leinenbeutel an. Als Großvater mich weckte, träumte ich noch. Von einer Ziege auf einem Berghügel und ich wusste noch wie sie mich ansah. Ich wollte die Ziege nicht alleine lassen, sie brauchte mich, aber Großvaters rüttelte an meinen Schultern und sein Blick sagte komm! Sein Zeigefinger tippte ungeduldig auf die Birne, die er in seiner Hand hielt.

Auf den Straßen war niemand, nicht die Bauern und nicht die Obsthändler mit den Feigen und den Pflaumen und den tiefgelben Zitronen. Großvater ging durch die dunklen Gassen mit geschlossenen Augen. Dann kann er sich ganz auf den Geruch der Morgenluft konzentrieren, flüsterte er. Unter Jonathans Fenster blieb er stehen, bückte sich und legte mir Kieselsteine in die Hand. Fünf Steine und sein Fenster brauchte es, um Jonathan zu wecken. Im Morgengrauen waren seine Augen nicht grün, nur müde. Er kannte den Leinenbeutel aus Großvaters Geschichten, er fragte  nicht als er bald angezogen neben mir stand. Und dann liefen wir los, zu dritt, und wir sprachen nicht und müde waren wir nun auch nicht mehr. Vorbei an Nonnas Laden, in dem es die besten Arrancine im Dorf gab und über den Dorfplatz. 

Sogar die Mariastatue und die Kirchglocke schliefen noch. Ein Hund bellte heiser in einem Hinterhof. Wir ließen die Steinhütten am Rande des Dorfes hinter uns. Als ich Jonathan ansah, von der Seite, lächelte er. Wir gingen ans Meer.

Der Weg unter Füßen knirschte nicht mehr von den Kieselsteinen auf dem Asphalt.

Wir sanken ein bei jedem Schritt und meine Ledersandalen wurden schwer vom Sand. Der Weg über die Dünen war steil und Großvater blieb oben stehen. Fast wäre ich mit ihm zusammengestoßen, ich hielt die Augen geschlossen um das Meer zu riechen. Jonathan lachte mich aus und ich streckte ihm die Zunge heraus. Großvater legte seinen Leinenbeutel in den Sand. Wir sollten innehalten. Noch nie bewunderte ich ihn wie in diesem Moment, als er dann mit breiten Beinen die Düne hinab stieg. Der Morgenwind blies in seine federnen Haare und in das weiße Hemd, der Kragen klappte um. Jonathan und ich konnten seine Goldkette sehen.

Als wir uns in den Sand fallen ließen, sprach Großvater zum ersten Mal. »Ich möchte euch etwas zeigen«. Er streckte die Hand in Richtung Horizont, dort hin wo Meer und Himmel nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren.

Jonathan und ich erwarteten etwas Großartiges. Es passierte nichts. Jonathan malte mit dem Zeigefinger ungeduldig Kreise in den Sand. Ich dachte, dies war vielleicht einer von Großvaters Scherzen. Großvater hatte einen eigenartigen Humor. Jonathan schien genauso enttäuscht wie ich. Ich wollte gerade aufstehen, als Großvater nach meinem Handgelenk griff. Das Meer war sehr ruhig geworden, als hielte es den Atem an. Dann wurde alles bunt, erst gelb, dann orange, dann rosa.

Die Sonne, eine leuchtende Orange aus Nonnas Obstgarten, blickte über den Horizont. Jonathan stand auf und schlüpfte aus seiner Leinenhose, dem Hemd und den Sandalen. In weißen Unterhosen rannten wir durch nassen Sand und dann spritzte das Wasser. Wir ließen uns rückwärts in eine kleine Welle fallen. Der Felsen, der aussah wie der Rücken eines Alligators, glitzerte im Sonnenlicht. Ich tauchte in weiße Gischt. Zum ersten Mal hatte ich keine Angst vor dem Felsen.

Das Salz brannte in meinem Rachen, als ich schrie: »Großvater! Großvater! Schau mal, wir sind fliegende Fische! « Jonathan breitete die Arme aus und hechtete sich in die Fluten. Das Wasser stand mir schon bis zum Schlüsselbein. Ich wartete bis er wieder auftauchte. Ich schrie seinen Namen. Nirgendwo tauchte ein Kopf mit braunen Haaren auf. Und dann lachte Jonathan hinter mir, er lachte und lachte und lachte mich aus.

»Pernacchia, du hättest dein Gesicht sehen müssen!« .  

Er riss die Augen auf, warf die Hände über den Kopf und rief »Oh Jonathan, mein Schatz!«. Ich zog die Mundwinkel herunter und stapfte aus dem Wasser. Großvater holte Birnen und ein großes Tuch aus seinem Leinenbeutel. Eng in das Tuch gewickelt liefen Jonathan und ich hinter Großvater her. Wir waren die verlorenen Söhne, die nichts besaßen als ein großes Tuch. Großvater war unser Retter. Er brachte uns zurück nach Hause. Das Dorf schlief noch immer. Wenige Fensterläden standen offen. Mit nassen Haaren kletterte Jonathan durch sein Zimmerfenster, salutierte uns und zog die Vorhänge zu. Zuhause schlüpfte ich unter mein kaltes Laken. Ein Meerestropfen kullerte auf mein Kissen und ich sah zu wie er sich zu einem dunklen Fleck ausbreitete. Nonna erzählten wir nichts davon.