Jonathans Familie wohnte in einer Holzhütte auf einem großen Berg im Norden Italiens. Die Sommer verbachte er bei uns im Dorf. Seine Tante Alessia und ihr Claudio führten die Panetteria am Dorfplatz. In den Sommern standen Jonathan und ich dort hinter der zerkratzten schwarzen Glastheke und sortierten Zigaretten, rückten Brötchen zurecht und lauschten Alessias Gesprächen mit den alten Damen. Wir stellten den Hunden Schälchen mit Wasser vor die Tür und passten gut auf, dass das Obst in den Körben reif war. Den Rest des Jahres verbrachten wir im Internat. Zuerst war es Jonathans Internat. In Jonathans zweitem Sommer im Dorf, aß er an einem Abend mit Nonna und mir und Großvater am Steintisch im Garten. Und alle seine Geschichten begannen im Internat. Mit jeder Geschichte wurde Großvaters Gesicht ernster. Dann zwinkerte er nur selten und knetete mit einer Hand sein rechtes Ohrläppchen. Als kleiner Junge hatte ich Angst, es würde abreißen. Jonathan verabschiedete sich nach Sonnenuntergang und Nonna kniff ihm mit Daumen und Zeigefinger in die Wange. Sie mochte Jonathan. Großvater saß noch am Tisch. Er zwinkerte wieder. »Alles in Ordnung, Großvater?«. Ich bekam keine Antwort. »Federico, möchtest du mit Jonathan auf dieses Internat gehen?«.

Großvater nannte mich selten bei meinem Namen. In dieser Nacht schlief ich ohne mein Laken. Das Internat war weit weg von Sizilien. Es lag in einem Bergdorf eine Zugstunde von Jonathans Familie entfernt. Manchmal fuhr Großvater mit mir in seinem Fiat an das andere Ende der Insel. Dann saßen wir auf einem Felsen, legten die Hand an die Stirn und konnten die dunklen Hügel des Festlands sehen. Noch nie hatte ich Sizilien verlassen. Die Schiffe auf die andere Seite waren teuer. 

Am nächsten Tag weckte Großvater mich vor den heißen Stunden. In der Küche saß er barfuss und breitbeinig am Tisch, die Hände auf dem Bauch verschränkt. Ich nickte und Großvater verstand. Am Abend fand ich aufgeschlagen auf meinem Bett Großvaters alten Lederkoffer. In einer kleinen Innentasche lag seine Goldkette. Er trug sie seit dem Tag an dem sein Vater sie ihm geschenkt hatte.