Jonathans Familie kommt aus Südtirol. Sie ist eine Grenzfamilie. Manchmal ist Jonathan ein Italiener. Manchmal ist er auch Österreicher. Er sagt immer, das kommt ganz auf das Wetter an. Im Sommer wohnt er bei seiner Tante Alessia und Onkel Claudio bei uns im Dorf. Sie führen die Panetteria am Dorfplatz. Jonathan und ich arbeiten dort, wenn wir im Sommer zu Hause sind. Den Rest des Jahres sind wir im Internat. Zuerst war es Jonathans Internat und zuerst war unser Dorf ja auch mein Dorf. Und dann aß er in unserem zweiten Sommer mit Nonna und mir und Großvater zu Abend. Und alle seine Geschichten begannen im Internat. Großvater wurde mit jeder Geschichte ernster. Wenn Großvater ernst wird, zwinkert er nur noch sehr selten und knetet mit seiner rechten Hand sein rechtes Ohrläppchen. Als ich kleiner war, hatte ich Angst, es würde irgendwann abreißen. Als Jonathan ging, kniff Nonna ihm in die Wange. Sie mochte Jonathan. Großvater saß noch am Tisch, aber er zwinkerte wieder. »Alles in Ordnung, Großvater?«, ich bekam keine Antwort. »Federico«, Großvater nannte mich selten beim Namen, »möchtest du mit Jonathan auf dieses Internat gehen?« 

Später konnte ich lange nicht schlafen. Das Internat ist in Südtirol, nahe Jonathans Familie. Noch nie war ich von Sizilien weggekommen. Die Schiffe zum Festland sind teuer. 

Am nächsten Tag weckte mich Großvater. Ich sagte nicht guten Morgen. Ich nickte und Großvater verstand. Am Abend lag aufgeschlagen auf meinem Bett Großvaters alter Lederkoffer. In einer kleinen Innentasche lag Großvaters Goldkette. Er trug sie, seit dem Tag, an dem sein Vater sie ihm geschenkt hatte. 

Der Sommer war zu Ende.