Am Tag vor der Abreise klopfte Jonathan an unsere dunkelblaue Haustür.

»Komm«. Wir gingen zu ihm. In seinem Garten blieb er stehen. Auf dem Gartentisch lag Claudios Rasierer. Ich blickte ihn fragend an. Als Antwort beugte er den Kopf nach unten und begann sich die wilden welligen Haare zu rasieren. Ich wollte es nicht glauben, Jonathan war immer eitel mit seinen Haaren gewesen. Fast wie ein Mädchen, aber das sagte ich nicht. Strähne um Strähne fiel und bald war der Steinboden bedeckt und überhaupt, Jonathans Haare waren überall. 

Mit kahlem Kopf hielt er mir auffordernd den Rasierer hin. 

»Dann sind wir echte Brüder!«.

»Du hast sie doch nicht mehr alle!«, ich lachte unsicher. Dann beugte ich mich vor und streckte Jonathan meinen Kopf entgegen. Ich hatte meine Haare schon immer langweilig gefunden. Schwarz mischten sie sich mit seinen. Später hielt er mir einen Spiegel hin. Ich betrachtete mich lange und bemerkte ein großes Muttermal über dem linken Ohr. Ich rieb mir den Kopf, er war weich und kurze Stoppeln wirbelten durch die Luft. Ich sah aus wie mein Vater. Mein Vater war Seefahrer. Oder Fischer,  genau wusste ich es nicht. Jedenfalls war er selten da. Alle zwei Jahre stand er einfach in unserem Hausflur und stank nach Fisch. Er sah hässlich aus mit dem langen Bart und den dreckigen Händen. Er drückte mich sehr fest und ich hielt die Luft an. Er nannte mich Picolo. Ich mochte den Namen nicht.

Meine Mutter war irgendwann abgehauen. Nonna sagte, sie wollte keine Verantwortung übernehmen. Sie sagte das in demselben Tonfall wie sie auch sagte »Die Ernte wird dieses Jahr schlecht« oder »Die Katze hat schon wieder Flöhe«.

An Feiertagen stellte Nonna ein Foto von meinem Vater auf die weiße Kommode in der Diele. Das Foto war silbergerahmt und schwarzweiß. Der Mann darauf hatte einen kahl rasierten Kopf, dunkle Augenbrauen und Schatten unter den Augen. Die vollen Lippen hatte ich von ihm geerbt. Die spitzen Ohren auch. 

An manchen Feiertagen sah ich den Mann auf dem Foto sehr lange an und dachte über das Wort »Vater« nach. 

Mein Vater hieß Federico. Meine Eltern hatten sich nicht die Mühe gemacht sich einen Namen für mich auszudenken. »Ich brauche keinen Vater«, dachte ich als ich mein rasiertes Spiegelbild ansah und streckte ihm die Zunge heraus.