Am Tag unserer Abreise war es heißer als sonst. Das spürte ich beim aufwachen, denn es war still im Dorf. Da war kein Wind, der fischigen Geruch durch das Moskitonetz blies, kein Motorradknattern. Bloß die Hunde heulten.

Ich stand früh auf um ein letztes Mal im Morgenmeer zu schwimmen. Das waren die schönsten Stunden, das Meer ist morgens sehr still. Mittags kommen Wellen und Wind. Über meiner Felsenbucht kletterte ich den weißen Stein hinunter. Er hatte zwei Kuhlen, in die meine Hände passen. Manchmal waren sie mit Wasser gefüllt und dann passte ich auf, dass ich nicht das Haus eines Einsiedlerkrebses zerdrückte. Selten war jemand an meiner Felsenbucht. Ich hasste die überfüllten Strände. Zu viel nackte Haut und sie war selten schön. Das Wasser war dort voller Pisse und nur ab und zu guckte Sand zwischen den Handtüchern hervor. Ein Junge aus meiner Klasse, er war der Lauteste, rief einmal mit seiner heiseren Stimme »du bist kein echter Italiener, Federico, du magst die anderen Italiener nicht«. Alle hatten sich zu mir umgedreht.

 

Ich lag mit dem Rücken im Wasser und übte den toten Mann. Der tote Mann hielt die Augen geschlossen und stellte sich die Fische vor, die unter ihm schwammen. Später saß ich zwischen den Felsen und vergrub meine Füße in dem Streifen Sand, der immer im Schatten und ganz kalt war. Ich bekam ein bisschen Gänsehaut auf den Oberschenkeln. Die Wellen wurden stärker und zogen an meinen Füßen.

»Das Meer ist eine launische Dame«, dachte ich und leckte mir das Salz von den Lippen. Ich hatte mir ein leeres Marmeladenglas mitgenommen. Ich füllte es mit Sand und Wasser. Ich nahm das Meer hinter Großvaters Haus mit. In der Küche stellte ich das Glas auf den Tisch neben den Teller mit der Birne, der Limette und der Zitrone. Nonnas Mutter war Malerin gewesen. Sie hatte nur Stillleben mit dieser Komposition gemalt. Ich nahm mir eine Birne, eine Limette und eine Zitrone aus der Vorratskammer und legte sie mit dem Meerwasserglas in das Innenfach des Lederkoffers. Außerdem packte ich »Der alte Mann und das Meer« von Hemingway ein. Am Umschlag war eine Ecke abgerissen, als ich es als Untersetzer für mein Tischbein gebraucht hatte. Mein Vater hatte es mir zu meinem achten Geburtstag geschenkt. Eines der wenigen Dinge, die mein Vater über mich wusste war, dass ich las. Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Buch einzupacken und als er es zu mir über den Tisch schob, sagte er: »Lies es erst, wenn du älter bist. Das ist kein Buch für einen Picolo wie dich.«

Er meinte es im Scherz. Ich fand es nicht lustig. Ich las das Buch noch in derselben Nacht zu Ende. Ich weinte, weil das Buch traurig war und mein Vater ein Mistkerl.

Ich schlief erst ein als die Sonne aufging. 

 

 

Alessia, Claudio und Jonathan warteten am Hafen. Ich schwitze, weil der Koffer schwer war. Ich wollte Großvater zeigen, dass man mit zwölf Jahren seinen Koffer alleine tragen konnte. Ein Schweißtropfen rann mir über die Stirn und die Nase und ich streckte die Zunge heraus um ihn aufzufangen. Zu Jonathan, der mich beobachtet hatte, sagte ich: » Ehrlicher Männerschweiß.«

Es war nicht Jonathans erster Abschied, so entzog sich bald der Umarmung seiner Tante. Nonna kniff mir nicht in die Wange und sagte nicht Junge, pass auf dich auf. Nonna sagte gar nichts und schnäuzte sich in ihr Stofftaschentuch mit den Blumen drauf. Ich hatte Nonna noch nie weinen gesehen.

»Dass du mir bloß nichts anstellst.«

Großvater drückte mir einen Zettel in die Hand auf dem in seiner unleserlichen Schrift eine Nummer stand.

» Ich habe uns einen Telefonapparat besorgt.«

Das Schiff hupte und als ich mich noch einmal umdrehte, sahen meine Großeltern klein aus und alt, wie sich Nonna mit der rechten Hand auf Großvater stützte, den Kopf leicht schräg und dann Großvater mit schlaffen Armen, den Rücken krumm und die faltigen, blaugeäderten Hände hingen hilflos an den Beinen. Er sah aus als sei er beraubt worden. Ich wandte den Blick ab, zog den Koffer über die metallenen Rillen der Schiffsrampe und versuchte meine Augen an das grüne Neonlicht des Schiffsbauches zu gewöhnen.