Am Tag unserer Abreise war es heißer als sonst. Ich spürte es, als ich aufwachte.

Ich stand früh auf, um ein letztes Mal im Morgenmeer zu schwimmen. Das waren die schönsten Stunden, das Meer ist morgens sehr still. Mittags kommen Wind und Wellen. 

Ich ging zu meiner Felsenbucht. Man musste zum Wasser klettern, deswegen war dort selten jemand. Ich hasse die überfüllten Strände. Zu viel nackte Haut und sie ist selten schön, kaum Sand zu sehen unter den Handtüchern und das Wasser voller Pisse. Ein Junge aus meiner Klasse sagte mal »du bist kein echter Italiener, Federico, du magst die anderen Italiener nicht«.

Ich lag jetzt mit dem Rücken im Wasser und übte den toten Mann. Der tote Mann hielt die Augen geschlossen und stellte sich die Fische vor, die unter ihm schwammen. Zwischen den Felsen war ein wenig Sand und darin vergrub ich jetzt meine Füße. Halb Fuß, halb Sand. Und dann wurde der Sand zu Wasser, weil die Wellen stärker wurden.

»Das Meer ist eine launische Dame«, dachte ich und leckte mir das Salz von den Lippen. Ich hatte mir ein leeres Marmeladenglas mitgenommen. Ich füllte es mit Sand und Wasser. Ich nahm das Meer hinter Großvaters Haus mit. Zu hause stellte ich das Glas auf den Küchentisch neben den Teller mit der Birne, der Limette und der Zitrone. Der Teller stand immer dort und immer lagen diese drei Früchte darauf. Nonnas Mutter war eine Malerin gewesen. Sie hatte ausschließlich Stillleben mit dieser Komposition gemalt. Auf ihrem Tisch stand immer dieser Teller und obwohl Nonna nicht malte, führte sie diese Tradition fort. 

Ich nahm mir jeweils eine Birne, eine Limette und eine Zitrone aus der Vorratskammer und legte sie mit dem Meerwasserglas in das Innenfach des Lederkoffers. Außerdem packte ich »Der alte Mann und das Meer« von Hemingway ein. Meine Ausgabe war rot und sah aus wie ein Buch, das schon sehr oft gelesen und überallhin mitgenommen wurde. Ein Buch, das man wütend auf den Boden schmeißt, weil die Sätze, die zu oft gelesen wurden, keinen Trost mehr bringen. 

Und ein Buch, das man an sein Gesicht drückt, wenn man traurig ist, weil es so nach alten Wörtern riecht.

Mein Vater hatte es mir zu meinem achten Geburtstag geschenkt.

Eines der wenigen Dinge, die mein Vater über mich weiß, ist, dass ich sehr gerne lese.

Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Buch einzupacken und als er es zu mir über den Tisch schob, sagte er: »Lies es erst, wenn du älter bist. Das ist kein Buch für einen Piccolo wie dich.«

Er meinte es im Scherz. Ich fand es nicht lustig. Ich las das Buch noch in derselben Nacht zu Ende. Ich weinte, weil das Buch traurig war und mein Vater ein Mistkerl.

Ich schlief erst ein, als die Sonne aufging. 

 

 

Alessia, Claudio und Jonathan warteten am Hafen. Ich schwitzte, weil der Koffer schwer war, aber ich wollte Großvater zeigen, dass man mit zwölf groß genug war, seinen Koffer allein zu tragen. Ein Schweißtropfen rann mir über die Stirn und die Nase und ich streckte die Zunge heraus, um ihn aufzufangen. Jonathan hatte mich beobachtet und ich sagte erklärend: »Ehrlicher Männerschweiß.«

Es war nicht Jonathans erster Abschied und er entzog sich bald der Umarmung seiner Tante. Nonna kniff mir nicht in die Wange und sagte nicht »Junge, pass auf dich auf.« Nonna sagte gar nichts und schnäuzte sich in ihr Stofftaschentuch mit den Blumen drauf. Ich hatte Nonna noch nie weinen sehen.

»Dass du mir bloß nichts anstellst.«

Großvater drückte mir einen Zettel in die Hand, auf dem in seiner unleserlichen Schrift eine Nummer stand.

»Ich habe uns einen Telefonapparat besorgt.«

Das war sein »Lass von dir hören.« Er zwinkerte mir kurz zu und wurde dann gleich wieder ernst. Einen anderen Abschied hatte ich von meinem Großvater nicht erwartet. Das Schiff hupte und als ich mich noch einmal umdrehte, sahen meine Großeltern älter aus als sonst.