Ich teilte mir mein Zimmer mit Jonathan. Es war klein und schlicht. Zwei Metallbetten neben dem Fenster, zwei Holztische, einen Spind für mich, einen Spind für Jonathan und ein Regal. Das Regal war mit Jonathans Büchern gefüllt. Ich verteilte und stapelte meine Bücher im ganzen Zimmer. Auf meinen Schreibtisch stellte ich den Teller mit den Früchten in den Lichtkegel der Schreibtischlampe. In den Schatten daneben, legte ich »der alte Mann und das Meer« . Ich musste grinsen als ich das Glas mit meinem Meerwasser neben dem Buch platzierte. Ich lag auf dem Bett, in weißem Unterhemd, kaute auf meiner Goldkette und dachte darüber nach, ob mir mein alter Mann und mein Meer bald fehlen würde.

Die Reise war lang gewesen und nicht so spannend, wie ich sie mir erträumt hatte.

Wir fuhren mit dem Nachtzug durch Täler zwischen schwarzen Bergen, schlängelten uns an Felsen entlang und das Mondlicht brach sich quicksilber im unruhigen Meeresgang. Jonathan und ich hatten eine Weile am Hafen am Festland gesessen. Wir hatten auf den Zug gewartet. Die Sonne war bereits untergegangen, aber der Stein unter uns war warm. In der Dunkelheit sahen die Lichter der Fischerboote aus wie Sterne. »Schau mal, die Sterne wollten auch mal baden gehen«, hatte ich zu Jonathan gesagt. Als der Zug in den Bahnhof einfuhr, war es zehn Uhr.

Als wir im Internat ankamen war bereits Nachtruhe. Das Gebäude erhob sich von einem Berghang und die Fenster waren pechschwarz. Jonathan und ich stapften mit unseren Koffern durch Kies und hörten Frösche im hohen Gras neben uns quaken. Ein Mann öffnete uns eine kleine Holztür. Er stellte sich als Herr Kramer vor. Er trug ein weißes Hemd, das an seinem dünnen Körper Falten schlug, die Cordhose saß hoch über dem Becken, war mit einem Ledergürtel festgezurrt. Die Haare trug er über die Halbglatze gekämmt. Im Haus roch es nach Bohnerwachs, die Wände waren mit Holz getäfelt und kleine hellgrüne runde Lampen leuchteten spärlich den Gang aus. Herr Kramer schritt vor uns steif die Treppen hinauf, hielt vor einer Kammer und drückte uns dann wortlos zwei harte Handtücher und Bettlaken in die Hand. Unser Zimmer lag am Ende des Jungentrakts, Kramer öffnete die Tür, nickte und marschierte den Gang hinunter. Beim Gehen hob er die Knie ein wenig an, fast wie ein verjährter Soldat. 

 

 

Ich schloss gerade die Augen, als sich die Tür öffnete und Jonathan, zwei Jungen und ein Mädchen herein kamen. Die beiden Jungen sahen älter aus als ich, vierzehn oder fünfzehn Jahre. Das Mädchen war vielleicht so alt wie ich und sah frech aus.

»Also irgendwie dacht’ ich du wärst größer«, sagte das Mädchen und blieb mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen.

»Federico, das ist la famiglia. Wurde aber auch Zeit, dass du sie kennenlernst.«

Jonathan setzte sich neben mich auf das Bett und das Mädchen trat vor mich hin.

»Ich bin Maria-Theresa. Maria reicht«, stellte sich das Mädchen vor, guckte mich aus dunkelbraunen Augen an und reichte mir die Hand. Ihre Hände waren warm und schwitzig. Maria hatte kurzes schwarzes Haar wie ein Junge, trug weite Hosen und schwarze Lederstiefel, die Schnürsenkel zweimal um den Knöchel gebunden. In ihrem linken Ohr glitzerte ein silberner Diamantenohrring. Am rechten trug sie nichts. 

»Nino Paolo Pacini«, stellte sich der größere der beiden Jungen vor. Sein dunkles Haar war mit Gel zum Scheitel gekämmt. Er trug ein weißes Hemd und eine runde Hornbrille, durch die er meine Füße und mein Unterhemd musterte.

Jonathan winkte nur mit der Hand und sagte »Niemand nennt ihn so. Aber netter Versuch, Nino!« Jonathan lachte und Nino zog die Augenbrauen hoch. »Vergiss es, ich dachte es klappt«. Später erfuhr ich, dass Ninos Familie aus Bologna kam. Als letztes stellte sich Guiseppe vor, der groß und dünn war. Er trug die Haare lang und fransig, das Hemd bis zu den Ellebogen gekrempelt. Im Zug hatte Jonathan mir von Guiseppe erzählt. Er war der Stille, der erst etwas sagte, wenn man es am wenigsten von ihm erwartete.

La famiglia zeigte mir das Internat. Das kleine Atelier, in dem Roberto Lentini arbeitete, der Kunstlehrer und die einzige Person, der la famiglia im Internat traute. Ein kleiner Mann mit Schnauzbart und dunklen Locken, groben Hände mit schwarzen Haaren auf dem Handrücken und einer selbstgedrehten Zigarette im Mundwinkel.

Roberto hatte ein kleines Hausschwein, das im Atelier lebte. Niemand außer la famiglia wusste von dem Schwein, denn es kam selten jemand ins Atelier. Es hieß Napoleon. Als ich Roberto fragte warum es so hieß, zuckte der bloß mit den Achseln und meinte er hatte gerade mit einem Buch über Napoleon im Schulgarten gesessen, als ein kleines Schwein angelaufen kam. An Tagen, an denen die Sonne ins Atelier schien und die Luft stickig wurde, von den Farbtöpfen, dann stiegen alle vier die kleine Treppe zum Dach des Internats hinauf. Niemand verirrte sich auf das Dach und niemand pflegte die Pflanzen, die man vor Jahren dort aufgestellt hatte, wahrscheinlich weil sich Dachgarten nach Zeit und Zuneigung anhört. Durch das verwachsene Grün hatte blickte man auf eine graue Gebirgskette.

Auf unserem Zimmer saßen Jonathan und ich später auf dem Fenstersims. Wir hatten Schuhe und Socken ausgezogen. »Und?« »Und was?«

 

»Na, was sagst du zu allem? Zu hier und zu uns?«. Ich antwortete nicht, weil es keine Worte gab. Jonathan hatte auch keine Antwort erwartet. »Jetzt ist die Familie endlich komplett.«, sagte er.