Ich teilte mir mein Zimmer mit Jonathan, natürlich, und es war sehr klein und schlicht. Zwei Betten, zwei Tische, Schrank, Regal. 

Das Regal war mit Jonathans Büchern gefüllt. Ich hatte meine im ganzen Zimmer verteilt und gestapelt. Auf meinem Schreibtisch stand der Teller mit den Früchten. Das Meerglas stand auf dem alten Mann und das Meer. Ich hatte kurz gegrinst, als ich es daraufgestellt hatte, es passte so gut. Ich lag auf dem Bett, in weißem Unterhemd, kaute auf meiner Goldkette und sah mich im Zimmer um.

Die Reise war lang gewesen und nicht so spannend, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Als wir mit dem Zug fuhren, war es dunkel und ich hatte viel geschlafen.

Jonathan und ich hatten eine Weile am Hafen am Festland gesessen. Wir hatten auf den Zug gewartet. Die Sonne war bereits untergegangen, aber der Stein unter uns war warm. In der Dunkelheit sahen die Lichter der Fischerboote aus wie Sterne.

»Schau mal, die Sterne wollen auch mal baden gehen«, hatte ich zu Jonathan gesagt. Als der Zug kam, war es zehn Uhr abends.

Es war schon lange Nachtruhe, als wir im Internat ankamen. Ein Lehrer öffnete uns die Tür, stellte sich als Herr Kramer vor und brachte uns auf unser Zimmer. Ich war zu müde, um irgendetwas um mich herum wahrzunehmen.

 

Mir fielen gerade die Augen zu, als die Tür aufging und Jonathan, zwei Jungen und ein Mädchen hereinkamen. Die beiden Jungen sahen älter aus als ich, vielleicht vierzehn oder fünfzehn. Das Mädchen war vielleicht so alt wie ich und sah unglaublich frech aus.

»Also irgendwie dacht’ ich, du wärst größer«, sagte das Mädchen und blieb mit verschränkten Armen im Türrahmen stehen.

»Federico, das ist la famiglia. Wurde aber auch Zeit, dass du sie kennenlernst.«

Jonathan setzte sich neben mich auf das Bett und das Mädchen trat vor mich.

»Ich bin Maria Theresa, Maria reicht«, stellte sich das Mädchen vor, guckte mich aus dunkelbraunen Augen an und reichte mir die Hand. Ich wunderte mich kurz über diese Geste. Sie hatte einen kräftigen Händedruck. Maria hatte kurzes schwarzes Haar wie ein Junge, trug weite Hosen und eng gebundene schwarze Lederstiefel. An ihrem linken Ohr glitzerte ein silberner Diamantenohrring. Am rechten trug sie nichts. 

»Nino Paolo Pacini«, stellte sich der größere der beiden Jungen vor. Sein dunkles Haar war mit Gel zum Scheitel gekämmt, er trug ein weißes Hemd und eine runde Hornbrille, durch die er mich abschätzend ansah. Er wirkte überheblich.

Jonathan winkte nur mit der Hand und sagte »Niemand nennt ihn so. Nino findet, sein Name hört sich wie ein Künstlername an, leider isser keiner!«

Jonathan lachte und Nino zog die Augenbrauen hoch. »Vergiss es, ich dachte es klappt! Nenn mich einfach Nino«, und in seinem Lachen war nichts Überhebliches mehr. Später erfuhr ich, dass Ninos Mutter aus Österreich, aus Wien kommt.

Als letzter stellte sich Guiseppe vor, der groß und sehr dünn war. Mit seinen langen unordentlichen Haaren und dem verlorenen Blick sah er sehr intelligent, aber noch verplanter aus. Er war der Stille in der Gruppe, der immer dann etwas sagte, wenn man es am wenigsten von ihm erwartete.

Das war also la famiglia. Die Freche, der Schöne, der Stille und Jonathan. Und bald auch ich. La famiglia zeigte mir das Internat oder eher alles, was für sie wichtig war. 

Das war zum einen das kleine Atelier, in dem Roberto Lentini, der Kunstlehrer und die einzige Person, der la famiglia im Internat traute. Ein kleiner Mann mit Schnauzbart und dunklen Locken, das Hemd mit Farbflecken und einer selbstgedrehten Zigarette im Mundwinkel.

Außerdem hatte Roberto ein kleines Hausschwein, das im Atelier lebte. Niemand außer la famiglia wusste von dem Schwein, denn es kam selten jemand ins Atelier. Das Hausschwein hieß Napoleon. Als ich Roberto fragte, warum, zuckte der bloß mit den Achseln und meinte, er hätte gerade mit einem Buch über Napoleon im Schulgarten gesessen, als auf einmal ein kleines Schwein angelaufen kam. Niemand von uns hinterfragte das. Wenn la famiglia nicht gerade im Atelier war, dann waren alle vier auf dem Dach. Niemand ging auf das Dach und niemand pflegte die Pflanzen, die man vor Jahren darauf gestellt hatte, weil sich Dachgarten so schön anhört. Durch das verwachsene Grün hatte man Blick auf eine graue Gebirgskette.

Später auf unserem Zimmer saßen Jonathan und ich auf dem Fenstersims. 

Wir hatten Schuhe und Socken ausgezogen.

»Und?«

»Und was?«

»Na, was sagst du zu allem, zu hier und zu uns?« Ich antwortete nicht, weil es keine Worte gab für alles und hier und die anderen. Jonathan hatte auch keine Antwort erwartet und sagte: »Jetzt ist die Familie endlich komplett.«