Es war bald ein Monat vergangen und ich hatte begonnen, das Leben im Internat wirklich zu mögen. Vor einiger Zeit noch hatte ich mir nicht vorstellen können, dass es noch ein anderes Zuhause als Großvater und das Meer geben könnte.

Es war der Abend, ein paar Tage vor meinem dreizehnten Geburtstag, an dem Jonathan und ich wach lagen. Das Fenster stand offen und die Geräusche des Bergdorfs füllten den Raum.

»Du?«

»Hm?«

»Hast du schon mal ein Mädchen geküsst?«

»Ne. Du?« 

Ich erwartete ein Nein, aber bekam ein Grinsen.

»Nicht dein Ernst. Erzähl!«

»Rate.«

»Keine Ahnung«, ich hatte wirklich keine Ahnung.

»Jetzt komm, is’ wirklich nicht so schwer, Kleiner.« 

Ich hasse es, wenn Jonathan mich Kleiner nennt. Ich hasse es, wenn mich irgendjemand Kleiner nennt. Ich bewarf ihn mit meinem Kissen.

»Maria?« Sein Grinsen war wieder ein Ja.

»Ha. Biste verliebt?« 

»Ach, hör schon auf. Verliebt doch nicht.« Ich lachte ihn aus.

»Na warte!« Er sprang auf und wir rauften.

Jonathan war verliebt. In Maria. Maria ist super und ein bisschen neidisch war ich.

Ich erzählte nicht, dass ich auch schon einmal verliebt gewesen war.

In Alessandra Mannino aus dem Nachbarhaus zu Hause im Dorf. Jeder war in Alessandra verliebt und sie wusste das. Sie trug immer herrliche weiße Söckchen und weiße Spangen im Haar und manchmal auch sehr kurze Röcke. 

Alessandra ist zwei Jahre älter als ich und nur ein kleiner Zaun trennte ihren Garten von unserem. An einem Morgen im letzten Sommer sollte ich für Nonna Feigen aus dem Garten holen. Ich wollte überhaupt nicht gucken. Alessandra stand gerade in der Außendusche und kämmte sich das nasse Haar. Sie war nackt und sehr braun und sehr schön. Ich versteckte mich hinter einem Strauch und kam mir plötzlich jung und dumm vor. Aber ich musste grinsen. Ich hatte Alessandra Mannino nackt gesehen. Als ich ins Haus ging, hatte ich die Feigen vergessen.

»He, träumst du? Ich hab’ dich was gefragt.« Mir waren die Augen zugefallen. Neben mir lag Jonathan und nicht Alessandra.

»Ja, was denn?« 

»Glaubst du, Maria liebt mich?«

»Willst du meine Meinung hören?«

»Sonst würde ich dich nicht fragen, Mann. Jetzt sag schon.«

»Ich glaube, Maria liebt nichts und niemanden.«

Jonathan wusste, dass ich Recht hatte. 

Maria mit den dunklen Augen und der rauchigen Stimme.

Maria Theresa war alles andere als heilig. Aber niemand von uns war das.

Jonathan und Maria gäben ein tolles Liebespaar ab.

In der Nacht träumte ich von weißen Söckchen und Mariastatuen mit kurzen Haaren.