Es war bald ein Monat vergangen und ich hatte begonnen, das Leben im Internat zu mögen. Am Tag der Abreise, als ich noch als toter Mann in meiner Felsenbucht lag, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es noch ein anderes Zuhause als Großvater und dem Meer geben könnte. Ein paar Tage vor meinem dreizehnten Geburtstag lagen Jonathan und ich ausgestreckt in unseren Betten. Das Fenster stand offen und das Quaken der Frösche füllte das nachtgraue Zimmer. »Du?«, fragte er. »Hm?« »Hast du schon mal ein Mädchen geküsst?« »Ne. Du?« Er antwortete nicht, grinste nur und im Halbdunkel spiegelte sich das Licht der Laterne vor unserem Zimmerfenster im Weiß seiner Zähne. 

»Wen?«. »Rate.«

»Keine Ahnung«, ich flüsterte.

»Streng dich an, Kleiner.« 

Ich hasste es, wenn Jonathan mich Kleiner nennt. Ich bewarf ihn mit meinem Kissen.

»Maria?«, fragte ich, knipste mein Nachtlicht an und setzte mich auf die Bettkante. 

Jonathan verschränkte die Hände im Nacken und sah mich an aus großen Augen. 

»Ha. Biste verliebt?« 

»Ach, hör schon auf. Verliebt doch nicht.« Ich lachte ihn aus.

»Na warte!« Er schwang die Beine aus dem Bett, kniete sich über mich und ließ einen Spuckefaden aus seinen gespitzten Lippen hängen. Bevor er in mein Gesicht tropfte, zog er in wieder ein. Wir rauften.

Jonathan war verliebt. In Maria. Maria mit den dreckigen Fingernägeln. Maria mit den schwarzen Haaren auf den braunen Armen. Maria mit den vernarbten Knien.

Ich erzählte nicht, dass ich auch schon einmal verliebt gewesen war.

In Alessandra Mannino aus dem Nachbarhaus zuhause im Dorf. Jeder war in Alessandra verliebt. Sie wusste das. Sie trug weiße Söckchen und weiße Spangen im Haar und manchmal auch sehr kurze Röcke. Alessandra war zwei Jahre älter als ich und nur ein kleiner Zaun trennte ihren Garten von unserem. An einem Morgen im letzten Sommer sollte ich für Nonna Feigen aus dem Garten holen. Ich wollte also überhaupt nicht gucken. Alessandra stand in der Außendusche und kämmte sich das nasse Haar. Sie war nackt. Sie hatte kleine, spitze Brüste und als sie sich umdrehte konnte ich jeden Wirbel, der sich durch die Haut ihres Rückens drückte, sehen. Der Wasserstrahl der Dusche war dünn. Ich versteckte mich hinter einem Strauch und zerkratzte mir dabei die Fesseln im Gestrüpp. Ich fühlte mich jung und dachte an die Einkerbungen im Türstock der Küche. Bald war ich so groß wie meine Nonna. Als ich ins Haus ging, hatte ich die Feigen vergessen.

»Glaubst du Maria liebt mich?«. Jonathan zog sich das Lacken bis zum Bauchnabel und kratzte an einem Schorf auf seinem Ellebogen. 

»Ich glaube Maria liebt nichts und niemanden.« Maria mit den dunklen Augen und der rauchigen Stimme. Ich schaltete das Nachtlicht aus und drehte mich mit dem Gesicht zur Wand. Jonathan wusste, dass ich Recht hatte. 

Maria-Theresa war nicht heilig. Aber niemand von uns war das. Jonathan und Maria gäben ein tolles Liebespaar ab. In der Nacht träumte ich von weißen Söckchen und Mariastatuen mit kurzen Haaren.